16. November 2018, 14:00 Uhr

Flott unterwegs

Großer Charmeur und Kümmerer

Der 80-jährige Wilhelm Schudt kennt sich bestens aus: In Wölfersheim genauso wie in Echzell. Muss er auch: Weil er Medikamente ausfährt. Zum 80. wollte er aufhören, aber dann ist alles anders gekommen.
16. November 2018, 14:00 Uhr
Seit sechs Jahren ist Wilhelm Schudt für die Linden-Apotheke rund um Wölfersheim unterwegs, um Medikamente auszufahren. Die Straßen kennt der 80-Jährige mittlerweile alle, sagt er: »Deswegen geht es relativ flott.« (Foto: sda)

Spaß muss sein. Das hat Wilhelm Schudt von Anfang an gesagt. »Wenn ich nicht ab und zu meine Späßchen machen kann, ist das nichts für mich.« So ist er eben. Genauso wie er einer ist, der immer was zu tun braucht. »Zu Hause hinsetzen liegt mir einfach nicht. Was soll ich denn da machen?« Und so fing er damals, als 74-jähriger Rentner, an zu überlegen, was er machen könnte. Zu dieser Zeit, erzählt er, ist immer ein Fahrer von der Linden-Apotheke in Wölfersheim bei ihm und seiner Frau in Melbach vorbeigekommen, um Medikamente abzugeben. »Das wäre doch auch was für mich. Medikamente ausliefern«, dachte sich der Rentner. Auto fährt er ohnehin gerne, ab und zu mit den Leuten ein Schwätzchen halten – perfekt. »Ich habe den Fahrer dann gefragt, ob sie in der Apotheke nicht noch einen brauchen.« Sie brauchten noch einen Fahrer.

 

Die Überraschungsparty

 

Sechs Jahre ist das her. Damals ist er zu Christian Koch, dem Chef, gefahren, hat sich vorgestellt und ist quasi auch schon mit den ersten Medikamentenpäckchen losgefahren. »Mit 80 höre ich auf«, hat er da noch gesagt. Nun ist er 80 geworden. Vor zwei Wochen, Ende Oktober. Aufgehört hat er aber nicht. Warum er weitermacht? Wilhelm Schudt lacht. »Finanziell bräuchte ich es nicht. Aber es macht mir so einen Spaß.« Und außerdem, sagt er lachend, fanden die Kolleginnen in der Apotheke, dass es gar keine gute Idee ist, wenn er aufhört.

Es sind die Leute, auch die Kollegen, die Aufgabe, vor allem aber das Herumkommen. »Das gefällt mir einfach.« Zwei Tage in der Woche ist Wilhelm Schudt im Dienst – mittwochs und freitags. Um 11 beginnt sein Arbeitstag, zwischen 16 und 18 Uhr ist er fertig. Dazwischen liegen viele Gespräche und etliche Kilometer. 80 bis 100 pro Tag, schätzt er. Das Einzugsgebiet: Wölfersheim mit allen Ortsteilen, Echzell, Bellersheim oder Dorheim. »Am Anfang kannte ich noch nicht alle Straßen«, erzählt er. »Aber heute brauche ich kein Navi mehr. Ich habe alle Straßen im Kopf, jetzt geht’s relativ flott.« Muss es auch – weil Kunden, die auf ihre Medikamente warten, gibt es einige: Pro Tag etwa 25, schätzt er. Und es ist ja nicht so, dass er klingelt, das Päckchen mit den Tabletten abliefert und auch schon wieder weg ist. Nach sechs Jahren kennt man sich, plaudert über dies und das. »So erfahre ich immer mal was Neues« – was die Kinder und Enkel der Kunden so machen zum Beispiel. »Man glaubt gar nicht, wie schnell eine Stunde rum sein kann. Und dann muss ich aufs Gaspedal treten.«

Wilhelm Schudt ist jedenfalls inzwischen im ganzen Ort bekannt. »Wenn wir einkaufen gehen, sagt meine Frau immer, du kennst ja so viele Leute.«

Was er auch sehr an seinem Job mag: die Kollegen. Er lächelt und erzählt von seinem Geburtstag. So was, sagt er, hat er in seinem ganzen Leben noch nicht erlebt. Chef Christian Koch habe ihm gesagt, er solle zu einer Besprechung kommen. Wahrscheinlich ändert sich irgendetwas, dachte Wilhelm Schudt. Nur war die Besprechung in Wirklichkeit keine: »Nachdem der Chef kurz mit mir gesprochen hatte, ging die Trennwand auf, alle Kolleginnen standen dort, haben für mich gesungen, und es gab noch ein Buffet.« Dazu hat er noch eine gerahmte Auszeichnung bekommen. Dass er ein Kümmerer ist, steht da drauf, ein »Grand Charmeur« (»Ich unterhalte mich eben gerne mit den Kolleginnen«) und ein Mensch mit Lebenskraft und Lebensfreude.

Mit dieser Lebensfreude kommt er jeden Mittwoch und Freitag in die Apotheke, holt den Autoschlüssel, setzt sich in den Hyundai und düst los. Nach Berstadt und nach Echzell, nach Dorheim und Melbach. »Solange, wie unser Herrgott es mir erlaubt, mache ich noch weiter«, sagt er. »Ich weiß jetzt schon: Wenn ich aufhöre, werde ich bittere Tränen weinen.«

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