14. Dezember 2018, 20:52 Uhr

Halbes Leben auf der Orgelbank

Schon seit 40 Jahren spielt Cilli Damm die Orgel in der kleinen Gustav-Adolf-Kirche von Ober-Mörlen. Auch in vielen Orten der Wetterau hat die leidenschaftliche Organistin in die Manuale gegriffen. Ans Aufhören hat die muntere 82-Jährige zwar schon gedacht, aber es sollte anders kommen.
14. Dezember 2018, 20:52 Uhr
Seit 70 Jahren unzertrennlich: Cilli Damm mit ihrem Klavier »August«. (Foto: hau)

Cilli Damm erinnert sich genau: Der 10. Dezember 1978 war’s – ein Sonntag, der letzte vor der Konfirmation. Das kleine evangelische Kirchlein würde richtig voll sein. Das Herz schlug ihr bis zum Hals: Zum ersten Mal sollte sie im Gottesdienst die Kirchenorgel spielen. Pfarrer Detlev Bothe hatte sie überzeugt, für Organistin Heidrun Schäfer und deren Kollegen Michel einzuspringen. »Keiner da«, hatte er gesagt. Aus der Not wurde eine Tugend und eine Institution.

Wie gerne sie einmal an der Orgel sitzen würde, habe Pfarrer Bothe damals gewusst, erinnert sich Damm. Seit sie als Kind in ihrer Geburtsstadt Klotzsche (heute ein Stadtteil von Dresden) einmal an der Orgel gesessen hatte, träumte sie davon. »Welch einen Klang man aus diesem Instrument herausholen kann, hat mich auf Anhieb begeistert«, erzählt Cilli Damm und schildert den vergleichsweise langen Weg ans Ziel.

»Meine Mutter konnte sehr schön Klavier spielen und singen«, denkt die 82-Jährige gerne an ihre Kindheit zurück und wie sie in ihrer musikalischen Passion gefördert wurde. Jahrelang ging die kleine Cilli zum Klavierunterricht bei Fräulein Göde. »Das Üben war nie ein Thema, ich habe es geliebt.«

Nach ersten Fingerübungen auf dem Instrument der Mutter bekam sie mit zwölf ihr eigenes Klavier. Bis heute leistet ihr »August« (aus dem Hause Förster) beste Dienste, verschiedene Male ist er in diesen 70 Jahren mit Cilli Damm und ihrer Familie umgezogen.

Zu Weihnachten irgendwann Ende der 40er Jahre schenkten die Eltern ihrer Tochter eine Geige aus Mittenwald. »Von dem Moment an war das Klavier gestorben. Damm nahm Geigenunterricht, durfte auf der Oberschule im Schulorchester spielen und ab und zu in der Kirche. Wieder betörte sie der wunderbare Orgelklang. Gerne hätte sie die Musik zu ihrem Beruf gemacht, berichtet Cilli Damm, aber es sollte anders kommen.

Nach zwei Jahren in der Pathologie begann sie ihre Ausbildung zur Medizintechnikerin und zog 1957 mit ihrem Mann Hasso in den Westen. Das Paar fand mit seinen drei Kindern 1963 in Ober-Mörlen eine neue Heimat. »Die Geige habe ich nie wieder angerührt«, streicht Cilli Damm liebevoll über das gut verpackte Instrument. Seinen festen Platz hat es neben Klaviernoten und Metronom auf ihrem »August« zwischen hohen Bücherregalen im »Kulturzimmer«.

Ungezählten Menschen hat Cilli Damm inzwischen das Klavierspielen nahegebracht und für sich selbst vor 40 Jahren das Orgelspielen entdeckt. Gerne nahm sie damals das Angebot des Dekanates an, in Butzbach bei Birgitte Klingenberg-Krause Unterricht zu nehmen. Weitere private Stunden folgten, ein Freundschaft fürs Leben entwickelte sich.

Auch in der Umgebung sei sie viel herumgekommen, erinnert sich Cilli Damm an Orgeln in Butzbach, Münster oder Nieder-Mörlen. Mit der Zeit habe sie die unterschiedlichen Instrumente verstehen gelernt. Temperaturschwankungen seien ein Problem, und auch gegen einen »Heuler«, wie hängende Töne so treffend heißen, sei man nicht gefeit. »Ganz brav bin ich zu allen Fortbildungen im Dekanat gegangen«, schmunzelt sie. Zu den Highlights habe das Spielen auf der Orgel in Ober-Mörlens katholischer Pfarrkirche St. Remigius gehört, schwärmt die Organistin von dem mächtigen Instrument. Mehr als 25 Jahre hatte sie alle Veranstaltungen des ökumenischen Arbeitskreises musikalisch begleitet.

Nach zehn Jahren habe das Lampenfieber nachgelassen, berichtet Damm von der Vorfreude auf jeden Gottesdienst. »Wenn ich Orgel spiele, fühle ich mich wie überrannt von Freude und Glück.«

Wann sie aufhören wolle? »Das steht in den Sternen«, sagt sie lächelnd. Dürfte sie wählen, würde sie gerne auf der Orgelbank sterben. Besonders liebe sie den frühmorgendlichen Ostergottesdienst in Langenhain-Ziegenberg, die Krippenfeier und natürlich den Heiligen Abend, wenn sie alle Jahre wieder, einen Steinwurf entfernt von ihrem Zuhause, ab 22 Uhr in dem lauschigen Kirchlein die vertrauten Lieder spielt.

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