Wetterau

Hier erklingt ein ganz anderer Mozart

»Warme Töne in einer kalten Kirche« wäre ein schöner Anlass gewesen, doch hat das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart keine dieser warmen Töne zu bieten. Wer die »kleine Nachtmusik« kennt und andere typische Werke des Österreichers, wird überrascht sein. Doch war das Requiem das letzte Werk Mozarts, und es widmet sich der ernsten, strengen Kirchenmusik. Klanglich ist es weit entfernt von den bekannten leichten Melodien, es wartet mit dunklen, strengen Harmonien und Klängen auf. Ein ganz anderer Mozart.
22. Oktober 2019, 18:53 Uhr
Marc Stephan
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Sopranistin Nicole Tamburro singt solo vor dem Konzertchor Butzbach und dem Jungen Sinfonie-Orchester Wetzlar unter Leitung von Andreas Ziegler. (Foto: arc)

»Warme Töne in einer kalten Kirche« wäre ein schöner Anlass gewesen, doch hat das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart keine dieser warmen Töne zu bieten. Wer die »kleine Nachtmusik« kennt und andere typische Werke des Österreichers, wird überrascht sein. Doch war das Requiem das letzte Werk Mozarts, und es widmet sich der ernsten, strengen Kirchenmusik. Klanglich ist es weit entfernt von den bekannten leichten Melodien, es wartet mit dunklen, strengen Harmonien und Klängen auf. Ein ganz anderer Mozart.

Der Konzertchor Butzbach hatte sich dieses unvollendete Werk vorgenommen und sich zum Ziel gesetzt, den Zuhörern diese heute weitgehend unbekannte Seite Mozarts zu zeigen. Hierbei wurde der Chor unterstützt vom Jungen Sinfonie-Orchester Wetzlar mit Konzertmeisterin Ariane Köster sowie den Solisten aus der Profiriege Nicole Tamburro (Sopran), Heike Keller (Alt), Daniel Sans (Tenor) und Stefan Grunwald (Bass). Die musikalische Leitung hatte Chorleiter Andreas Ziegler übernommen.

Bevor es um das Werk an sich geht, ist die gute Intonation des Chores und des Orchesters zu erwähnen. Ein runder, ausgewogener Klang, flexibel in Lautstärken und Klangfarben, boten in der Markuskirche einen musikalischen Genuss, trotz der Schwere der Lieder, die auch dem Publikum große Aufmerksamkeit abverlangten. Chor und Orchester vermischten sich an manchen Stellen zu einem großen Klangkörper mit unglaublicher Stimmgewalt. Trotzdem blieben die einzelnen Stimmen in Chor und Orchester immer transparent, es entstand nie eine große, undefinierbare Klangwand, wie dies in solcher Lautstärke und Besetzung leicht geschehen kann.

Doch nicht immer waren Orchester und Chor eine so friedliche Einheit, manchmal war es auch der Chor, der lyrisch über einem fast tobenden und wogenden Orchester lag. Teils endeten die Sätze mit gewaltigem Klang, teils schienen sich die Akkorde still in die Winkel der Kirche zu verkriechen, beides wurde von den Künstlern mit scheinbarer Leichtigkeit präsentiert. Die Solisten und das Orchester sind in Mozarts Requiem meist Beiwerk zum großen Chor, nur zu Beginn gesteht der Komponist Sopranistin und Posaune ein kleines Solo zu.

Ob es Mozart selbst so gewollt hätte, lässt sich nur vermuten. Dieses Stück konnte der große Komponist nicht mehr beenden, er starb während der Arbeit an diesem Auftragswerk. Teils hinterließ er Fragmente, vollständige Chorsätze und Notizen.

Bassetthörner sind dabei

Sein Schüler Franz Xaver Süßmayr vollendete das Requiem, doch beschäftigten sich später noch weitere Komponisten mit dem »anderen Mozart«, der mehr nach Händel oder Bach klingen mochte, der sich mit alter Technik und neuen Ideen beschäftigt hatte und der offenbar den Gefallen an den damals neuen Bassetthörner mit ihrem zarten, aber dunklen Klang gefallen hatte.

Die Ensembles am Samstag spielten eine Bearbeitung des Requiems von Duncan Druce als Hauptwerk des Abends, wollten dem Publikum jedoch auch die Unterschiede zu der Bearbeitung von Süßmayr nicht vorenthalten, weshalb der Satz Lacrimosa in beiden Fassungen zu hören war. Ebenso wurde speziell auf den Klang der beiden Bassetthörner aufmerksam gemacht mit dem »Marsch der Priester« aus der »Zauberflöte«, in der Mozart dieses Instrument bereits prominent einsetzte, sowie das »Ave verum corpus«.

Um das gelungene Programm abzurunden, erklangen noch »The fruit of silence« von Peteris Vasks, der sich ebenso mit dem Werk beschäftigt hatte wie auch Johannes Brahms, der seinerzeit eine erste Bearbeitung der Komposition Mozart/Süßmayr vorgenommen hatte. Das »Geistliche Lied op. 30« von Brahms war somit das letzte Lied in einem gefühlvollen, strengen und sehr interessanten Konzert.

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