28. Dezember 2017, 13:00 Uhr

Bad Nauheimerin erinnert sich

Hildegard Pfeffer und die Codes für die Amerikaner

Für die Amerikaner ging es um wichtige Daten. Für Hildegard Pfeffer war es erstmal eine Arbeitsstelle. Die Bad Nauheimerin hat kurz nach dem Krieg für das Statistical Office gearbeitet.
28. Dezember 2017, 13:00 Uhr
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Von Christoph Agel
Vor der Bad Nauheimerin Hildegard Pfeffer steht eine Hollerithmaschine auf dem Küchentisch. Im Badehaus 8 seien die Maschinen damals aber größer gewesen, sagt die 87-Jährige. (Foto: O)

Laut sei es gewesen, und dunkel, sagt Hildegard Pfeffer. Ein Saal mit 20 bis 30 Frauen und mit Hollerithmaschinen. Damit wurden Daten, die die amerikanischen Besatzer für relevant hielten, in codierter Form auf Lochkarten übertragen. Wie Lokalhistorikerin Gisela Christiansen am 10. Oktober in einem WZ-Bericht über Amerikanische Spuren in Bad Nauheim erläuterte, hatten die Amerikaner im Badehaus 8 Daten ausgewertet, die eine Abteilung der Reichsgruppe Industrie im Deutschen Reich gesammelt hatte.

Grundlage für die Berechnung der Reparationszahlungen

Darin ging es um Produktionszahlen insbesondere für das Rüstungs- und Sanitätswesen. »Durch die Auswertung der Daten erhofften sich die Amerikaner wichtige Informationen zu der noch vorhandenen Wirtschaftskraft und für die Entscheidung zum Wiederaufbau Deutschlands. Die Zahlen sollten zudem Grundlage für die Berechnung der Reparationszahlungen sein und zeigen, wie sich der Luftkrieg auf die industriellen Anlagen ausgewirkt hatte«, schrieb Christiansen.

Hildegard Pfeffer war gerade 15 Jahre alt, als sie im September 1945 ihren Job im Statistical Office im Badehaus 8 antrat, an dessen Stelle sich heute das Parkhaus in der Ludwigstraße befindet. Vorher hatte sie vergeblich eine Lehrstelle gesucht. »Wir haben in der Luft gehangen«, blickt Pfeffer auf eine schwierige Zeit zurück. Dann machten sie und eine Freundin einen Schreibmaschinenkurs, bewarben sich außerdem bei den Amerikanern und wurden eingestellt.

Wie es im Badehaus 8 früher ausgesehen hat, zeigt eine Aufnahme aus dem Jahre 1906. (Foto:...

»Wir hatten davon vorher nichts gewusst und verstanden«, sagt die 87-Jährige über ihre Arbeit im Badehaus 8. Die Mädchen wurden an den Hollerithmaschinen angelernt und wandelten Informationen aus Fragebögen in Codes um. »Man musste aufpassen, dass man nicht viele Fehler machte«, sagt Pfeffer. Ob alles stimmte, wurde im nächsten Schritt geprüft, ehe die Karten maschinell sortiert wurden. Welche Daten im Detail sie in den Lochkarten quasi gespeichert hat, weiß Pfeffer nicht.

Im Teichhaus mit Essen versorgt

»Wir konnten der Sache nicht auf den Grund gehen.« In einem Zeugnis vom 31. März 1946 heißt es über Pfeffers Arbeit: »Schon nach kurzer Zeit konnten wir ihr auch komplizierte Locharbeiten übertragen. Neben industrie-statistischen Arbeiten wurde sie insbesondere mit der Ablochung einer im Auftrage der Finance Section des Military Government durchgeführten Finanzerhebung beschäftigt. Alle ihr übertragenen Arbeiten hat Fräulein Pfeffer zu unserer vollen Zufriedenheit ausgeführt.« Englischkenntnisse brauchte sich die junge Frau für ihren Beruf, den sie bis Ende Mai 1946 ausübte, nicht anzueignen. »Die Leute, mit denen wir zu tun hatten, waren Deutsche.« Mittags wurden die Mitarbeiterinnen von den Amerikanern im Teichhaus mit Essen versorgt.

Als die Statistik-Einheit vom Bad Nauheimer Sprudelhof schließlich nach Berlin verlegt wurde, musste sich Hildegard Pfeffer nach einer neuen Arbeitsstelle umschauen. Ihr Vater wurde fündig. »Da hab ich mich schon gefreut, es wäre was Kaufmännisches. Was hat er gehabt? Eine Lehrstelle als Schneiderin«, sagt die 87-Jährige und stöhnt. Am Schneidern habe sie keine große Freude gehabt, auch wenn es an den Fähigkeiten nicht gemangelt habe. Von 1946 bis 1949 machte sie eine Lehre zur Schneiderin, ehe sie 1953 beim Staatsbad anfing, wo sie 36 Jahre lang in Lohn und Brot stand – in den heutigen Badehäusern im Sprudelhof.

Info

Holz aus dem Badehaus 8

Das Badehaus 8 spielte für die Familie Pfeffer auch in anderer Hinsicht eine Rolle: Nach dem Abriss verkaufte das Hessische Staatsbad darin verwendetes sogenanntes Pitch Pine, besonders hartes Nadelholz. Hildegard Pfeffers Vater kaufte solches Holz und verwendete es beim Hausbau in der Jahnstraße für Fensterrahmen. (agl)

 



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