26. Juli 2019, 08:00 Uhr

Diabetes-Ambulanz

Hilfsprojekt in einem gebeutelten Land

In Kabul kommt es oft zu Bombenanschlägen. Trotz dieser Begleitumstände existiert dort seit zehn Jahren dank Hilfe aus Bad Nauheim eine Diabetes-Ambulanz, die Kinder vor dem Tod bewahrt.
26. Juli 2019, 08:00 Uhr
Dr. Michael Eckhard (r.), Leiter der GZW-Diabetes-Klinik, bildet Dr. Ghezaluddin Moradi (l.) weiter, damit der bald die Leitung der Ambulanz in Kabul übernehmen kann. Dr. Bernt Kampmann hat den Aufenthalt in Deutschland vermittelt. (Foto: Nici Merz)

Wieder einmal ist in der afghanischen Hauptstadt Kabul eine Bombe explodiert, diesmal vor der Universität. Der Anschlag hat sich just an dem Tag ereignet, an dem sich Dr. Ghezaluddin Moradi und Dr. Bernt Kampmann, 2. Vorsitzender des Bad Nauheimer Vereins »Hilfe für Diabetes-Ambulanz Afghanistan« (HDAA), mit dem WZ-Redakteur treffen. Der Kinderarzt aus Kabul berichtet nüchtern über die Bombe, obwohl sich einer seiner Brüder an diesem Tag zufällig in der Uni aufgehalten hat. Sechs Menschen sind tot, es gibt 25 Verletzte. Moradis Bruder ist glücklicherweise heil davongekommen. Der Mediziner kann aufatmen.

In Kabul leben die Menschen in ständiger Angst, während sich Moradi seit sieben Wochen im sicheren Bad Nauheim aufhält. Er soll mittelfristig neuer Leiter der Diabetes-Ambulanz am Indira-Gandhi-Krankenhaus in Kabul werden, weil die dort tätige Ärztin in absehbarer Zeit aus Altersgründen ausscheidet. »Die Ambulanz besteht seit 2008, Monat für Monat stellen wir gut 300 Euro bereit, vor allem für Insulin und Teststreifen«, erzählt Kampmann. Viel Geld kostet die Weiterbildung. Kinderarzt Moradi, der gut Deutsch spricht, wird drei Monate lang in Deutschland geschult, vor allem in der Diabetes-Klinik Bad Nauheim, die zum Gesundheitszentrum Wetterau gehört. Der Verein bezahlt Reise, Hotel und Lebensunterhalt.

Kampf um Visum

Diese Summen aufzubringen, ist für die HDAA um Vorsitzende Zarmina Zaman, eine aus Afghanistan stammende Zahnärztin, die in Bad Nauheim lebt, eine Hausforderung. Es mussten zahlreiche Hürden überwunden werden, um Moradi überhaupt begrüßen zu können. Er benötigte ein Visum, doch die deutsche Botschaft in Kabul ist seit einem verheerenden Autobombenanschlag 2017 geschlossen. »Zweimal musste ich nach Neu-Delhi fliegen und dort die Botschaft aufsuchen. Weil das Verhältnis zwischen Pakistan und Indien sehr schlecht ist, nahm ich den Umweg über den Iran«, sagt der Kinderarzt.

Der erste Anlauf im Februar scheiterte. Die Botschaft in Indien bedient sich eines Reiseveranstalters, um Visumanträge zu prüfen. Laut Kampmann wurde versäumt, das Thema Asyl anzusprechen. Somit wurde der Antrag abgelehnt. Kampmann nutzte seine Verbindung zur Bad Nauheimer SPD-Politikerin Natalie Pawlik.

Überall Korruption

»Sie stellte den Kontakt zum kommissarischen Bundesvorsitzenden Schäfer-Gümbel her, der mir die Daten des Leiters der Konsularabteilung in Neu-Delhi gab.« Erst als die HDAA der Botschaft glaubhaft versicherte, dass Moradi weder Asyl beantragen noch dem Staat zur Last fallen werde, bekam Moradi das Visum. Der dreimonatige Kampf um die Einreiseerlaubnis hatte unerfreuliche Folgen. Weil er sich zweimal mehrere Wochen in Indien aufhalten musste, verlor er seine Arbeit bei einer Privatklinik in Kabul. Jetzt muss er die Familie allein mit seiner Kinderarztpraxis durchbringen. Trotzdem freut er sich auf seine Arbeit in der Diabetes-Ambulanz, wo im Schnitt rund 300 Kinder und Jugendliche betreut werden.

»In Deutschland will ich viel lernen, werde mit einer Menge Info-Material versorgt. Wichtig ist mir auch, meine alte Verbindung zu diesem Land aufzufrischen«, sagt der 39-Jährige. Ab 1990 hielt sich Moradi drei Jahre lang in Deutschland auf, wo eine chronische Knochenentzündung behandelt wurde. Als Student kehrte er 2007 kurz zurück. Zudem war er von 2002 bis 2006 Dolmetscher für die Bundeswehr in Afghanistan. »Von den Taliban habe ich deswegen keine Drohungen erhalten. In deren Hochburg im Süden reise ich nicht«, sagt der Mediziner.

Seine Weiterbildung läuft weitere fünf Wochen. Die HDAA will auch Hospitanzen in Gelnhausen und Darmstadt vermitteln, wo es Kliniken mit Diabetes-Kinderstation gibt. Nach seiner Rückkehr hofft Moradi dank der Unterstützung aus Bad Nauheim, vielen jungen Leuten helfen zu können. Mit Geld vom afghanischen Staat rechnet er nicht. »Es gibt überall Korruption. Nur wenn man mitspielt, fließen Zuschüsse.« Kampmann hat die vage Hoffnung, dass die Diabetes-Ambulanz irgendwann von der Indira-Gandhi-Klinik übernommen und finanziert wird.

Diabetes-Ambulanz 2008 eröffnet

2005 und 2007 wurden zwei an Diabetes erkrankte Jungen aus Afghanistan in Bad Nauheim und Friedberg behandelt. »Damals haben wir erkannt, dass das nicht die Lösung sein kann, auch weil Mädchen gar nicht zur Behandlung ins Ausland geschickt werden. Deshalb gründeten wir die Hilfe für Diabetes-Ambulanz Afghanistan«, sagt deren 2. Vorsitzender Dr. Bernt Kampmann. Nach der Schulung einer Ärztin und einer Krankenschwester konnte die Ambulanz in Kabul 2008 öffnen. Neuer Leiter soll bald Dr. Ghezaluddin Moradi werden. Seit seinem Bestehen hat der Verein eine Großspende über 14 000 Euro erhalten. Um die Einrichtung am Leben erhalten zu können, ist die HDAA aber auf weitere Zuwendungen angewiesen.

Nähere Informationen über die HDAA gibt es im Internet unter www.hdaa.de. Das Spendenkonto: Hilfe für Diabetes-Ambulanz Afghanistan, Volksbank Mittelhessen, IBAN DE72 5139 0000 0067 7525 03.

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