12. November 2019, 20:13 Uhr

Mittelstandspreis 2019

Holzfreude statt Meister Eder: Butzbacher möbeln das Image der Schreiner auf

Flache Hierarchien, modernes Design: Die Butzbacher Schreinerei Holzfreude ist jung und innovativ. Sie fertigen nicht nur Luxusprodukte, sondern auch Betten und Stühle für Hilfsprojekte.
12. November 2019, 20:13 Uhr
Julian Lauth (3. v. l.) stellt sich nicht gerne in den Vordergrund. Holzfreude ist nicht er, sondern das ganze Team. Der Altersdurchschnitt in der Butzbacher Schreinerei liegt bei unter 30 Jahren. (Foto: kge)

Staubkörnchen tanzen in der Luft. Bei nahezu jedem Schritt muss Julian Lauth über ein Stück Holz steigen. Sägespäne bedecken den Boden, irgendwo im Hintergrund wird gehämmert. »Es ist ein bisschen unordentlich hier«, sagt er entschuldigend, »das ganz normale Chaos.« Nach rohen Planken und halbfertigen Tischen steht mitten in der Schreinerei ein riesiges Regal. Vier junge Leute klettern darauf rum. Hebeln, wuchten, lachen, fügen zusammen. Dazu schallt aus großen Boxen Reggae-Musik. »Das ist das Team«, sagt Lauth und grinst. »Das ist Holzfreude.«

»Ich will die Arbeit hier nicht über meinen Namen definieren«, sagt Lauth. Der 34-Jährige ist der Geschäftsführer von Holzfreude. Die Schreinerei hat er gleich nach seinem Meister 2010 gegründet. »Ich habe damals einfach nicht das richtige für mich gefunden«, erzählt er. Der Schreinerberuf sei immer noch sehr traditionell, oft auch mit veralteten Werten behangen. Eine Arbeitsatmosphäre ohne straffe Hierarchien. Möbel, die vor allem durch ihr individuelles Design hervorstechen. Das wollte Lauth: »Dass ein Tisch stabil ist, versteht sich von selbst«, sagt er und lacht.

Er wollte etwas eigenes erschaffen. Eine Marke. »Ich denke, das macht es einem Team auch leichter, sich mit der Arbeit zu identifizieren. Im Team kann man etwas erschaffen, das groß ist.«

Lauth stellte bereits im ersten Jahr von Holzfreude einen Auszubildenden ein. »Damals haben wir noch Rolläden repariert und Zäune gestrichen«, erinnert sich der Schreiner. Möbel wären nur zufällig für Freunde und Bekannte entstanden. »Das hat sich dann aber rumgesprochen«, sagt Lauth. Mittlerweile stellt der Gründer seine Designmöbel in einem Showroom aus, eine zweite Filiale ist in Planung. Gut 20 Mitarbeiter und Auszubildende arbeiten heute in der Schreinerei - der Altersdurchschnitt liegt bei unter 30 Jahren.

Viele Bewerbungen

»Es ist nicht immer einfach, Chef und guter Kumpel zu sein«, sagt Lauth. Gerade das entspannte Miteinander sei aber Teil der Arbeitskultur von Holzfreude. Der Gründer hat sich ein Umfeld geschaffen, in dem er selbst immer arbeiten wollte und in dem sich auch seine jungen Angestellten wohlfühlen. Der Fachkräftemangel im Handwerk könne mit starren und altertümlichen Wertvorstellung zusammenhängen, meint Lauth. Das wollte er ändern. Den Traditionsberuf in die junge Generation überführen - mit Erfolg. »Mein Team hat richtig Lust auf die Projekte. Wir bekommen viele Bewerbungen.« Der Schreinerberuf sei nicht mehr so verklärt und romantisch, wie er einmal war. »Wir sind nicht Jesus und nicht Meister Eder«, sagt Lauth. Schreiner seien auf dem Weg zu einem neuen Image, einem modernen und innovativen. Darauf will er aufmerksam machen - einer der Gründe, beim diesjährigen Mittelstandspreis anzutreten.

Langlebigkeit statt Konsum

Bei allem Fortschritt besinnt sich das Holzfreude-Team bei einer Sache auf die Basics: »Wir wollen etwas Echtes herstellen«, sagt Lauth. Das würden auch die Kunden verstärk nachfragen. »Holz, bei dem die Maserungen zu spüren sind. Holz, das noch wie solches riecht. Das ist für uns Holzfreude, und die wollen wir weitergeben.« Dieses gesellschaftliche Bedürfnis hat Lauth schnell erkannt, heute ist es Teil der Unternehmensphilosophie. Die Schreinerei achtet darum auch darauf, Massivholz aus der Region zu verwenden. Verarbeitete Steinplatten kommen aus Europa, was nicht selbst hergestellt werden kann, macht etwa der Schmied aus dem Nachbarort. Alles ist auf Langlebigkeit ausgelegt: »Wir wollen keine Wegwerfprodukte herstellen.«

Ein Punkt, der die Jury sicher begeistert, ist das soziale Engagement des Unternehmens. »Wir haben hier viele unterschiedliche Charaktere«, sagt Lauth, »Studienabbrecher und Sinnsuchende. Das macht Spaß, jeder bringt seine Ideen ein.« So habe es ein Teammitglied nicht mit sich vereinbaren können, nur Luxusprodukte herzustellen. »Heute ist er bei uns für Hilfsprojekte zuständig«, sagt Lauth. Die Schreiner hätten beispielsweise Stockbetten für Familien in Armenien gemacht. Bald sollen Stühle für Schulkinderin Afrika folgen. »Es fühlt sich gut an, mit unserem Know-how etwas zurückgeben zu können. Es kostet uns eigentlich nichts, aber so können wir unseren Beitrag leisten.«

Der Mittelstandspreis 2019

Der Mittelstandspreis des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft wurde in der Wetterau bereits vier Mal verliehen. Ziel ist es, Unternehmer für ihr Engagement in Wirtschaft und Gesellschaft zu ehren und ihre Vorbildrolle als Leistungsträger zu würdigen. In die Beurteilung fließen Kriterien wie Persönlichkeit, nachhaltiger unternehmerischer Erfolg, Innovation, soziales Engagement, Mitarbeiter-Entwicklung, Ausbildungsplätze und Arbeitskultur ein. Die Jury, bestehend aus Sparkasse Oberhessen, IHK Gießen-Friedberg, Wirtschaftsförderung, Ovag, Wetteraukreis, Seniorenresidenz Bisses (Unternehmerinnen-Preis 2018) und Wetterauer Zeitung nominierte in diesem Jahr das Friedberger Juweliergeschäft Burck, GAL Digital aus Hungen und Holzfreude aus Butzbach. Der Sieger wird bei der Preisverleihung am 14. November bekanntgegeben.

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