14. Juli 2017, 08:00 Uhr

Intrige

Intrige im Altersheim: Detektive erfinden Kündigungsgründe

Unfassbar, aber offenbar wahr: In einem Bad Nauheimer Altenheim sollen Detektive verdeckt eingesetzt worden sein, um Kündigungsgründe gegen Betriebsratsmitglieder zu konstruieren.
14. Juli 2017, 08:00 Uhr
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Von Bernd Klühs
Dubiose Methoden: In den Seniorenresidenzen der Schacht GmbH sollen 2012 Kündigungsgründe konstruiert worden sein, um unbequeme Betriebsräte loszuwerden. (Foto: Nici Merz)

Es klingt nach einem Dreigroschenroman, doch die Geschichte soll sich genau so zugetragen haben – in einem Altenheim mitten in Bad Nauheim. In den Hauptrollen: ein unbotmäßiger Betriebsrat, eine genervte Geschäftsführerin, abgebrühte Detektive und ein berüchtigter Anwalt. Kündigungsgründe sollen erfunden worden sein, um Arbeitnehmer-Vertreter loszuwerden. »Kronzeuge« ist ein Detektiv, der auspackt.

Es ist der 16. Januar 2012. In einer Hotelbar am Frankfurter Flughafen treffen sich Carolin Reifschneider, Geschäftsführerin der Bad Nauheimer Alten- und Pflegeheim Schacht GmbH, zwei Detektive und Anwalt Helmut Naujoks, der in Gewerkschaftskreisen einen Ruf als »brutaler Betriebsratskiller« hat. Einer der Detektive, der anonym bleiben will, hat kürzlich gegenüber dem Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung geplaudert. Über seine Arbeitsmethoden in der Bad Nauheimer Seniorenresidenz und anderswo, über seine Kooperation mit Anwalt Naujoks. In den Häusern der Schacht GmbH, wo etwa 250 Leute beschäftigt sind, haben die Detektive vor allem zwei Personen im Visier, die damalige Betriebsratsvorsitzende Annette Schmidt und Stellvertreterin Ernestine Cornella. Sie liegen im Clinch mit der Geschäftsführung, unter anderem wegen Mitbestimmungsfragen.

Ich hätte gewisse Vorgänge unterbinden müssen

Carolin Reifschneider

Die Detektive schleichen sich nach Angaben des »Kronzeugen« im Januar 2012 als Leiharbeiter und Praktikanten in die Altenheime der Schacht GmbH ein. Ziel ist es offenbar, Kündigungsgründe zu liefern – egal wie. Betriebsräte rauszuschmeißen ist nur in Ausnahmefällen möglich, doch Naujoks rühmt sich auf seiner Internetseite als Spezialist. Der Titel eines seiner Bücher heißt denn auch »Kündigung von ›Unkündbaren‹«.

Die Details, die der Detektiv in der ARD-Reportagereihe »Exclusiv« nennt, zeigen die perfide Vorgehensweise. Im Fall Cornella stellt er am 28. Januar 2012 während der Nachtschicht Sekt auf den Tisch. An seinem letzten Arbeitstag gibt er einen aus – trotz Alkoholverbot. Die Betriebsrätin versichert in dem Fernsehbeitrag, nichts getrunken zu haben. Das sieht die Geschäftsleitung anders, die gegen 1.15 Uhr zur Kontrolle im Pausenraum auftaucht, nach Angaben des Detektivs war das abgesprochen. Cornella soll gehen. Noch übler sind die Tricks, die nach Aussage des Zeugen im Fall Schmidt angewandt wurden: Zwei Detektive führen als »Altenheim-Mitarbeiter« am 15. Februar 2012 ein Gespräch mit der Frau im Betriebsrat-Büro, beschimpfen und bespucken sie.

Schmidt soll sich zu einer Handgreiflichkeit verleiten lassen. Das klappt nicht. Der eine Detektiv schlägt daraufhin dem anderen ins Gesicht und beschuldigt die Betriebsratsvorsitzende. Anzeige wegen Körperverletzung wird erstattet, Schmidt gekündigt.

Schon vor fünf Jahren vermuten Schmidt, Cornella und andere Betriebsratsmitglieder eine Intrige, wie sie im Juni 2012 der WZ erklären. Ein Indiz: E-Mails, die den Kontakt zwischen Geschäftsleitung und Naujoks belegen. Reifschneider, die zunächst vier Betriebsratsmitglieder vor die Tür setzt und ihnen Hausverbot erteilt, bestreitet 2012 jeden Kontakt zu dem Anwalt. Dass die Chefin Detektive eingesetzt hat, die ein Honorar von 75 000 Euro kassiert haben sollen, erfahren die beiden Betriebsrats-Frauen erst vom ARD-Journalisten. Vor allem Cornella reagiert im Fernsehbeitrag erschüttert, kann nur mit tränenerstickter Stimme antworten. Schmidt ist fast sprachlos – das Wort »unfassbar« kommt ihr zweimal über die Lippen. Gegenüber der WZ möchten beide Frauen die Ereignisse von 2012 heute nicht mehr kommentieren.

Ganz anders Schacht-Chefin Carolin Reifschneider. Ein PR-Berater des Unternehmens nimmt im Namen der Geschäftsführerin umfangreich Stellung. Im Gegensatz zu 2012 wird ein Kontakt zu Naujoks eingeräumt, der allerdings nicht eng und länger andauernd gewesen sei. Auf Nachfrage bestätigt der Berater das Treffen in der Hotelbar. »Frau Reifschneider hat mehrere Gespräche mit Naujoks geführt. Er hat die Dienstleister empfohlen, die seit Jahren für ihn tätig waren.« Als »Dienstleister« bezeichnet der PR-Experte die Detektive. In ihrer Erklärung gibt Reifschneider Fehler zu. Sie habe bei der Verpflichtung des »möglicherweise insuffizienten Beraters« Naujoks etwas blauäugig gehandelt. Firmeninterne Vorgänge von »externen Beobachtern« überprüfen zu lassen, auch verdeckt, hält die Altenheim-Chefin für normal. Das komme in jeder größeren Firma vor. Reifschneider deutet an, nicht in alles eingeweiht worden zu sein. »Ich gebe allerdings zu, dass die Vorgehensweise der uns von Herrn Naujoks empfohlenen und beauftragten Dienstleister sich im Nachhinein als zumindest fragwürdig dargestellt hat. In meiner Funktion als Geschäftsführerin hätte ich eine stärkere Kontrollfunktion ausüben und gewisse Vorgänge unterbinden müssen.« Das sei leider unterblieben.

 

Verdi will Strafanzeige stellen

 

Den »Exclusiv«-Beitrag bewertet Reifschneider, die der ARD kein Interview geben wollte, als unverantwortlich und einseitig. »Dies grenzt bereits an Rufschädigung«, betont sie. Informationen seien »in weiten Teilen nicht richtig dargestellt oder schlicht weggelassen« worden. Auf Nachfrage nennt ihr PR-Berater allerdings nur Informationen, die nicht erwähnt wurden. Reifschneider habe die Kündigungen gegen die Betriebsratsmitglieder schließlich zurückgenommen. Cornella arbeite nach wie vor in der Seniorenresidenz am Kaiserberg, sitze aber nicht mehr im Betriebsrat. Schmidt sei vor geraumer Zeit aus gesundheitlichen Gründen in Frührente gegangen. Das sei in der Reportage verschwiegen worden. Die Altenheim-Chefin führt zudem Beschwerden von Mitarbeitern über die Betriebsratsmitglieder an. Dabei sei es um die Verletzung von Vorschriften gegangen. Letztlich habe sie sich aus diesem Grund an Naujoks gewandt. Was wurde angeblich falsch dargestellt? Diese Frage beantwortet der PR-Berater nicht. Kein Kommentar auch zur Frage, ob Reifschneider die mutmaßlich strafwürdigen Methoden der Detektive abgesegnet habe.

Anwalt Naujoks hält sich bedeckt. Für die WZ hat er nur einen Satz übrig: »Ich habe eine Stellungnahme abgegeben.« Der ARD hat er erklärt, nie wissentlich etwas Kriminelles getan zu haben. Die Gewerkschaft Verdi will wegen des Falls Schacht Strafanzeige gegen unbekannt stellen. Grund: Behinderung von Betriebsratsarbeit.

Meinung

Reumütig?

Altenheim-Chefin Carolin Reifschneider gibt sich einsichtig, räumt Fehler ein. Doch besonders glaubwürdig klingt das nicht. Wer Zeitung gelesen und Fernsehen geschaut hat, konnte 2012 wissen, auf was er sich mit Helmut Naujoks einlässt. Ob die Geschäftsführerin über Details der rigorosen und möglicherweise kriminellen Vorgehensweise der Detektive informiert war und sie gebilligt hat, sei dahingestellt. Klar ist: Sie wollte den lästigen Betriebsrat matt setzen und nahm dafür äußerst fragwürdige Methoden in Kauf. Heute bezeichnet die Chefin ihr Verhalten als blauäugig, sie habe dem Anwalt und seinen Helfershelfern vertraut. Heißt übersetzt: Die Schuld tragen eigentlich andere. Und wenn das Image des Unternehmens geschädigt wird, sind böse Journalisten verantwortlich. Sinngemäß erklärt Reifschneider zudem, es sei in Großunternehmen normal, Mitarbeiter bespitzeln zu lassen. Sieht so wirkliche Reue aus? (Von Bernd Klühs)

 



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