23. Februar 2017, 16:00 Uhr

Ein Urgestein geht

Ivo Korculanic macht beim Dolce Schluss

Ein Blick zurück ins Bad Nauheimer Dolce und er wirft die Hände in die Höhe: »Um Gotteswillen, wie kann ich das verlassen?« Ivo Korculanic hebt die Schultern. Nach fast 40 Jahren macht der Oberkellner Schluss.
23. Februar 2017, 16:00 Uhr
Zu seinen Gästen haben Helmut Kohl und Richard von Weizsäcker gehört. Nun beginnt für Ivo Korculanic ein neuer Lebensabschnitt. (Foto: am)

Ich hatte Tränen in den Augen, als ich die Formalien unterzeichnet habe«, sagt der 65-Jährige, der am 31. März in den Ruhestand geht. »Dieses Haus ist mein Leben. Es hat mir viel gegeben. Und ich habe alles für das Haus gegeben.« Dieses Bekenntnis spiegelt sich wieder in dem Ratschlag, den er jenen gibt, die Kellner werden wollen: »Liebst du diesen Beruf? Wenn ja, mach weiter. Liebst du ihn nicht – geh!«

Eine nackte Zahl drückt die Haltung zum Beruf, zu einer Arbeitsstätte, aus: Beinahe vier Jahrzehnte hat Korculanic im ehemaligen Dolce und heutigen ConPark in Bad Nauheim gearbeitet. Wie viele Kilometer der jetzt scheidende Oberkellner im Dienste des Kunden wohl bewältigt hat? »Wir haben für einen Kollegen mal ausgerechnet, dass er an einem Tag bis nach Frankfurt läuft.« Eine Weltumrundung dürfte für Ivo Korculanic wohl drin sein. Wie viele Gäste er in dieser Zeit bedient haben mag? »Unmöglich zu beantworten. Aber was waren das für Begegnungen! Schade, dass ich kein Gästebuch geführt habe.« Da kämen Bände zusammen.

Vom Unbekannten, den er freilich beim Namen kannte, über Schauspieler wie Hardy Krüger und Jürgen Prochnow (»Der mit dem Boot«), Sänger und Schriftsteller bis zu Bundespräsidenten wie Walter Scheel und Richard von Weizsäcker. Helmut Kohl – Demonstranten gegen ihn vor der Kurhausterrasse. »Er sagte mir: ›Wenn das friedlich ist, gehört das zur Demokratie.‹« Beinahe klingt es aus dem Mund von Ivo Korculanic, als seien das nur angenehme Begegnungen gewesen. »Die gebildeten Leute sind immer höflich, nicht wahr?«, gibt er den Diplomaten.

Die Geschichte von Korculanic ist nicht nur die Geschichte eines erfüllten Arbeitslebens, sondern auch einer gelungenen Integration. Korculanic ist in der Gesellschaft angekommen, fühlt sich wohl, ist beliebt und zumindest in Bad Nauheim bekannt wie der sprichwörtliche bunte Hund (»Bin sogar Mitglied bei zwei Stammtischen«) – und er ist dankbar. »Dieses Land hat mir alles gegeben.« Was gleichfalls bedeutet: Ständige Rückkehr in seine Heimat ausgeschlossen.

Geboren in der kroatischen Hafenstadt Zadar, besuchte er mit 16 Jahren die Hotelfachschule in Dubrovnik. Warum überhaupt den Beruf des Kellners? »Kann ich nicht sagen«, antwortet er. »Mein Vater war Seemann, ein Bruder Kapitän, ein anderer hat Mathematik studiert, eine Schwester Pädagogik. In der Nähe stand ein Hotel und da kam ich auf diesen Beruf. So einfach war das.« Nach der Ausbildung zwei Jahre in der jugoslawischen Armee, danach keine Anstellung. Er schlug sich mit Arbeiten im Hafen durch, schleppte Zement, die Familie verkaufte Kartoffeln, Öl, Wein, er fing Fische. »Wir wurden satt. Aber eine Perspektive sah ich nicht darin.«

Also folgte er 1970 einer Cousine nach Idar-Oberstein. »Die Sprache war kein Problem. Deutsch, Russisch und Französisch hatte ich in der Schule gelernt, in unserem Ort sprach man auch Italienisch.« Über verschiedene Stationen kam er nach Bad Nauheim, nach dem »Hotel Astoria« und dem »Hotel Am Hochwald« schließlich am 1. Mai 1979 ins staatliche Kurhaus – damals noch ohne Hotel.

Zeiten waren das, schüttelt Ivo Korculanic den Kopf als liefen eben diese im Zeitraffer vor seinem inneren Auge vorbei. Zeiten, in denen es selbstverständlich war, die Gäste mit »Gnädige Frau und Gnädiger Herr« anzusprechen, Schlips obligatorisch, das Tragen von Sportschuhen unvorstellbar. Arabische Würdenträger, die den Kellnern für das Servieren eines Glases Tee einen Einhundertmark-Schein ins Revers steckten, als es im Sommer auf drei Ebenen der Terrasse brummte wie im Bienenstock und das Orchester die Begleitmusik lieferte.

Klar, in einem wie Ivo Korculanic hat sich eine unbezahlbare Erfahrung angehäuft. »Innerhalb von zwei Minuten musst du einen Gast einschätzen können. Was möchte er, was kann man ihm verkaufen? Dabei«, sein Zeigefinger sticht in die Höhe, »gibt es keinen guten und keinen schlechten Gast. Der einen Kaffee bestellt ist genauso gut wie jener, der Champagner möchte.«

»Außerdem«, fährt er fort, »musst du Schauspieler sein. Darauf eingehen, wenn ein Gast ernst, der andere lustig drauf ist. Vor allem aber«, hebt er nun zu den hohen Lektionen an, »musst der Gast das Gefühl haben, alles drehe sich um ihn. Das Wichtigste: Gibt es nicht, gibt es nicht. Wenn es wirklich etwas nicht gibt, muss man den Gast charmant zu etwas anderem verführen.

Und jetzt, wenn wirklich Feierabend ist? »Ich habe ein komisches Hobby: Politik und Wirtschaft«, was ihn zu einem Engagement an der Börse befähigt. »Nur gierig darf man nicht sein.« Und wenn er künftig ein Restaurant besucht, wird er dann mitunter kritisch die Brauen in die Höhe ziehen? »Höchstens dem Ober einen Tipp geben, nie aber dessen Chef«, lächelt er spitzbübisch.

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