01. August 2019, 20:26 Uhr

Kriegsgefangene und Kuhstallpolitik

01. August 2019, 20:26 Uhr

Wenn eine neue Ausgabe von bellmuth.info erscheint, bekommen Werner und Erhard Thum viele Nachrichten. Darin fallen Sätze wie »Herzlichen Glückwunsch zur neuen Ausgabe. Ich habe mir das Heft ausgedruckt und werde es eingehend studieren.« oder »Liebe Thums, mit Euren Online-Publikationen leistet Ihr eine wirklich gut und interessante Arbeit - und heimatliche Glockenklänge gibt es per Link sogar noch als Zugabe. Vielen Dank!«

Seit März 2014 betreiben die beiden Brüder die Online-Zeitschrift bellmuth.info, die sich mit dem kleinsten Ranstädter Ortsteil beschäftigt. Das 170-Seelen-Dorf wurde mit der Gebietsreform 1971 der Großgemeinde Ranstadt angegliedert. Die beiden Thum-Brüder leben heute in Wetzlar und Butzbach, haben aber eine tiefe Verbindung zu Bellmuth: Sie sind die Söhne von Heinrich Thum (1908 bis 1994), dem letzten Bürgermeister in dem damals noch selbstständigen Dorf.

»Im Nachlass unserer Eltern fanden wir alte Fotos, darunter Gruppenaufnahmen französischer Kriegsgefangener aus beiden Weltkriegen, die in Bellmuth als Helfer in der Landwirtschaft arbeiteten«, sagt Werner Thum. »Wir haben begonnen, die Ereignisse mithilfe vieler Bellmuther Zeitgenossen in bellmuth.info aufzuarbeiten.« Sein Bruder Erhard Thum ergänzt: »Werner rief mich an und schilderte mir seine Absicht, Erlebnisse aus unserer Jugendzeit sowie Fakten und Geschichten aus der allgemeinen Chronik des Dorfes aufzuschreiben. Wir sind eng mit all dem verbunden, denn die Bürgermeister-Sprechstunden und Gemeindevertretersitzungen fanden in der guten Stube unseres Elternhauses statt.« Diese Form bürgernaher Kommunalverwaltung ist heute kaum noch denkbar. »Man konnte unseren Vater auf dem Feld oder auch im Kuhstall ansprechen. Scherzhaft nannte man das ›Koustallspolitik‹ (Kuhstallspolitik).«

Bei aller Beschaulichkeit und Nähe: Die Weltgeschichte spiegelt sich auch in einem kleinen Dorf wie Bellmuth wider, das zeigt jede Ausgabe von bellmuth.info. Allein die Zugehörigkeiten des Ortes zum Heiligen Römischen Reich, zum Großherzogtum Hessen, zur amerikanischen Besatzungszone und zur Bundesrepublik Deutschland folgen einer großräumigen Historie. Die »Alte Chaussee« zum Bieberberg ist Teilstück einer Verbindung zur Bonifatius-Route, auf der im Jahre 754 der Leichnam des Apostels der Deutschen von Mainz nach Fulda getragen wurde. Sandstein aus dem Bellmuther Steinbruch im Kautenwald findet sich in der Friedberger Stadtkirche ebenso wie in der historischen Mikwe (»Judenbad«). Und wenn der aus Bellmuth stammende Reichelsheimer Pfarrer Louis Carl (1907 bis 1958) in seiner Kirche predigte, blickte er mutmaßlich ebenfalls auf den Sandstein seines Heimatdorfs.

Inzwischen sind Werner und Erhard Thum längst nicht mehr allein bei der Zusammenstellung von bellmuth.info. Ältere Mitbürger beteiligen sich ebenso wie Geschichts- und Kulturexperten. Zugezogene interessieren sich für die Geschichte ihres neuen Wohnortes. Weitere Infos und alle Ausgaben unter www.bellmuth.info.

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