03. Juli 2019, 05:00 Uhr

Stoll-Gelände

Küchenfachmarkt: Sommerlad steigt aus

Muss das Fachmarktgebäude auf dem Bad Nauheimer Stoll-Gelände erneut umgeplant werden? Dem Investor ist ein wichtiges Standbein weggebrochen. Unerfreuliche Nachrichten auch fürs Rathaus.
03. Juli 2019, 05:00 Uhr
Das Bad Nauheimer Stoll-Gelände gleicht derzeit einer Steppenlandschaft. Entsteht hier bald ein Einkaufsparadies? Die Skepsis mancher Bürger ist berechtigt. (Foto: Nici Merz)

Von einem Fachmarktzentrum auf dem seit 24 Jahren brachliegenden Stoll-Gelände an der Schwalheimer Straße in Bad Nauheim zu sprechen, ist schon längst verfehlt. Ein großes Gebäude mit Lebensmittel- und Küchenfachmarkt, Café, Fitnessstudio und Büros samt 155 Parkplätzen ist von den Plänen für das 2,3 Hektar große Areal übrig geblieben. In diesem Sommer soll es eigentlich losgehen mit den Bauarbeiten.

2014 kam die Werner-Gruppe aus Fulda wieder ins Geschäft, nachdem sich die Stadt vom Investor GEDO (München) getrennt hatte. Grund waren finanzielle Nachforderungen des Unternehmens. Doch auch Werner hat mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Zunächst musste der vorgesehene Elektronikfachmarkt gestrichen werden, der neben Tegut einziehen sollte. Die Media-Markt-Chefetage hatte plötzlich kein Interesse mehr, ein anderer Betreiber aus dieser Einzelhandelssparte war offenbar nicht zu finden.

Rücktrittsrecht genutzt

Deshalb schwenkte der Fuldaer Investor auf einen Küchenfachmarkt um und wurde vor etwa eineinhalb Jahren mit dem Unternehmen Sommerlad aus Gießen handelseinig. Das Unternehmen ist bislang im Raum Gießen, Marburg, Fulda mit Möbel-, Küchen- und Discountmärkten aktiv. Doch auch aus der Partnerschaft mit Sommerlad wird nichts, wie der zuständige Werner-Projektleiter Michael Strzyz auf WZ-Anfrage bestätigt. »Der Vertrag enthält ein Rücktrittsrecht, das Sommerlad kürzlich wahrgenommen hat.« Offizieller Grund: Die Baugenehmigung sollte eigentlich bis Ende 2018 vorliegen, ging aber erst wenige Monate später ein. Laut Strzyz hat Sommerlad die Gelegenheit zum Ausstieg genutzt. Hintergrund sei wohl die allgemeine wirtschaftliche Situation im Einzelhandel. Werner will zunächst am Küchenmarkt-Bestandteil festhalten, der Projektleiter schließt eine Änderung allerdings nicht aus.

Trotz der negativen Nachrichten geht Strzyz von einem Baubeginn in diesem Sommer aus, nachdem zunächst von Frühjahr die Rede war. Alle Erdarbeiten wurden erledigt, aber weder von Bautätigkeiten auf dem Gelände noch für die Erschließung im Umfeld ist etwas zu sehen. Normalerweise gehen Investoren bei solchen Projekten erst an die Umsetzung, wenn für alle Flächen Mieter gefunden sind. Die Eröffnung eines Fachmarktgebäudes, in dem gut ein Drittel der Fläche leersteht, ist kaum denkbar.

Wind wird rauer

Bürgermeister Klaus Kreß ist dagegen nach wie vor von einem baldigen Baustart überzeugt und rechnet mit einer Fertigstellung im Lauf des kommenden Jahres. Eine andere Botschaft habe er aus der Werner-Zentrale bislang nicht erhalten.

Der bekannte Werbeslogan »Wenn’s einer hat, dann Sommerlad« wird in Bad Nauheim also nicht zu lesen oder zu hören sein. Geschäftsführer Frank Sommerlad nennt die lange Planungs- und Vorbereitungsphase für das Bad Nauheimer Projekt sowie schnelle Änderungen der Marktgegebenheiten als Gründe für seinen Rückzug. »Vor etwa zweieinhalb Jahren haben wir begonnen, uns mit der Eröffnung eines Küchenmarkts in Bad Nauheim zu beschäftigen. Seitdem ist viel passiert«, sagt der Inhaber des Unternehmens. Auf dem Markt für Küchen wehe inzwischen ein »rauer Wind«. Das hänge mit der Konkurrenz und der Langlebigkeit der Produkte zusammen. »Eine neue Küche wird nur alle 20 Jahre gekauft, in diesem Zeitraum haben sich die Leute schon zweimal ein neues Auto angeschafft.« Unter dem Aufstieg des Online-Handels leide die Küchenbranche dagegen kaum, weil Möbel immer noch beim Fachhändler vor Ort erworben würden. Gleichwohl schrumpfe der Umsatz eher als dass er wachse.

Seine Entscheidung habe nichts mit der Attraktivität des Standorts Bad Nauheim zu tun, die Sommerlad für gegeben hält. Aber die Planungs- und Verwaltungsprozesse dauerten einfach zu lange, was für alle Projekte gelte. Mit dem Wind, der rauer werde, meint der Unternehmer auch das Personal. Sommerlad: »Küchen müssen nicht nur verkauft, sondern auch aufgebaut werden. Und freie Monteure gibt es nicht.«

Handel: Weniger Flächenwachstum

Die Probleme der Werner-Gruppe bei der Suche nach Mietern für das Fachmarktgebäude auf dem Stoll-Gelände sind nicht weiter verwunderlich. Der Trend zum Onlinehandel, der inzwischen bei etwa 10 Prozent des Gesamtumsatzes liegt, und zum Einkaufserlebnis in attraktiven Innenstädten lässt das Flächenwachstum im Einzelhandel schrumpfen. Das zeigen Analysen und Studien von Immobilien- und Handelsexperten. So hat Einzelhandelsspezialist Olaf Petersen (Comfort Research & Consulting) errechnet, dass es auf diesem Segment zwischen 2000 und 2005 noch ein Plus von 6,4 Prozent gab, von 2011 bis 2016 waren es lediglich 1,6 Prozent.

Diese Einschätzung wird von aktuellen Angaben von ZIA (Spitzenverband Immobilienwirtschaft) bestätigt. Hier heißt es zu Investitionen in Einzelhandelsflächen: »Besonders stark fiel der Rückgang bei Shoppingcentern aus. Aber auch Fachmärkte, die noch den größten Anteil am Gesamtmarkt haben, wurden deutlich weniger gehandelt.« Wie aus einer Studie der auf Handel fokussierten Unternehmensberatung IFH (Köln) hervorgeht, seien Shoppingcenter und »Grüne-Wiese-Anbieter« in den 2000er Jahren noch stärkster Wettbewerber des Fachhandels gewesen. Der Strukturwandel lasse die Kunden aber abwandern in attraktive Innenstadtlagen und den E-Commerce.

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