02. April 2019, 14:00 Uhr

Autismus

Leben mit Autismus: eine ständige Herausforderung

Er spricht kaum, zeigt selten Gefühle und ist am liebsten alleine: Christoph Heller ist Autist. Für seine Eltern ist jeder Tag eine neue Herausforderung. Doch die Familie aus Echzell versteckt sich nicht.
02. April 2019, 14:00 Uhr
anna-Luisa Hortien
Wenn einfach alles zu viel wird: Das Gehirn von Christoph Heller blendet unwichtige Eindrücke nicht aus, das überfordert ihn und verursacht Stress. (Symbolfoto: alh)

Wenn Christoph Heller einen Raum betritt, merkt er sich jedes Detail. Wie viele Fenster hat der Raum, wie viele Stühle stehen darin? Diese Fragen kann Christoph im Nachhinein ohne Zögern beantworten. Und genau das ist das Problem.

Christoph ist Autist. »Die Eindrücke werden in seinem Kopf nicht gefiltert«, erklärt seine Mutter Cindy Heller. »Er kann unwichtige Dinge nicht ausblenden. Das überfordert sein Gehirn und verursacht Stress.« Deshalb meidet Christoph neue Situationen. Am liebsten ist er einfach nur zu Hause in Echzell.

Christoph ist heute 40 Jahre alt. Schon in der Schule zeigte sich, dass er anders ist. In Mathe zum Beispiel, konnte er nicht mit den Klassenkameraden mithalten. Die Ärzte hielten Christoph für geistig behindert. Die Diagnose Autismus bekam er erst mit 30 Jahren. »Es kannte sich damals kaum jemand mit Autismus aus«, sagt Cindy Heller. Wie und warum eine autistische Störung entsteht, ist immer noch nicht genau erforscht.

 

Selbsthilfegruppe seit 2012

»Es hat gedauert, bis wir darüber sprechen konnten, dass unser Sohn Autist ist«, sagt Vater Rolf Heller. »Wir mussten das erstmal selbst verarbeiten.« Doch dann war klar: Die Familie will ihre Erfahrungen mit anderen teilen, Menschen eine Anlaufstelle bieten, die mit der Diagnose konfrontiert werden – denn die fehlt ihrer Meinung nach im Wetteraukreis. Deshalb gründeten sie die Selbsthilfegruppe Autismus Wetterau, die sich seit 2012 in Wölfersheim trifft.

Autismus ist keine Krankheit, sondern eine Behinderung. Verschiedene Krankheiten können als Begleiterscheinungen auftreten. Sie werden mit Medikamenten oder Psychotherapien behandelt. Doch es gibt nur wenige Experten in dem Bereich, und »jeder Autist ist individuell, man kann keine pauschalen Aussagen treffen«, sagt Rolf Heller.

Ich wünsche mir, dass Autisten so akzeptiert werden, wie sie sind

Mutter Cindy Heller

Christoph besucht eine Therapeutin – und ein Sozialkompetenztraining. Dort lernt er Dinge, die für gesunde Menschen völlig normal sind. Zum Beispiel, eine Fahrkarte zu ziehen und mit der Bahn zu fahren oder das richtige Verhalten beim Kennenlernen mit fremden Menschen. Das Training findet in Frankfurt statt, Christophs Therapeutin sitzt in Gießen. Angebote vor Ort gibt es nur wenige.

Die Suche nach einem Platz in einer Einrichtung für betreutes Wohnen gestaltet sich für die Hellers ebenfalls schwierig. »Die Bewohner müssen zueinander passen«, sagt Cindy Heller. »Christoph fällt es schwer, Freundschaften zu schließen.« Autisten seien Einzelgänger. Es gebe aber auch einfach zu wenige Objekte. Für Wohngruppen in Bad Salzhausen und Butzbach steht Christoph auf der Warteliste. Doch bis ein Zimmer frei wird, könne es dauern.

 

Welttag der Aufklärung über Autismus

Die Integration von Autisten in Schule und Ausbildung laufe hingegen schon ganz gut. Auch der Welttag zur Aufklärung über Autismus, der jedes Jahr am 2. April begangen wird, trage zur Aufklärung bei. Auf dem Arbeitsmarkt sehe es wiederum anders aus. Rolf Heller erzählt von einer Autistin, die Tiermedizin studiert hat, aber keine feste Anstellung bekommt, weil sie anderen Menschen nicht gut in die Augen schauen kann. »Auf dem Arbeitsmarkt muss sich in Sachen Integration noch mehr tun«, findet Cindy Heller. »Ich wünsche mir, dass Autisten so akzeptiert werden, wie sie sind.«

Rolf und Cindy Heller sind rund um die Uhr für ihren Sohn da. Sie planen seinen Tag und übernehmen die Freizeitgestaltung. 	(alh)
Rolf und Cindy Heller sind rund um die Uhr für ihren Sohn da. Sie planen seinen Tag und üb...

Wenn Rolf und Cindy Heller mit ihrem Sohn unterwegs sind, ernten sie immer wieder komische Blicke, wenn Christoph mit sich selbst spricht. »Wir begeben uns aber bewusst nicht in die soziale Isolation«, sagt Rolf Heller. »Wir haben als Eltern ja auch ein Recht darauf, unser Leben zu leben und wollen uns nicht völlig aufgeben.«

Autisten ticken eben anders. »Das kann manchmal auch sehr schön sein«, sagt Rolf Heller. Allerdings wisse man nie, was als nächstes kommt. »Das Zusammenleben ist eine ständige Herausforderung.« Christophs Eigenarten nehmen Rolf Heller und seine Frau aber mittlerweile mit Humor. Zum Beispiel, dass er jedes Mal die Krümel aus dem Toaster schütteln muss, bevor er ihn benutzen kann. Nur eines, sagt Cindy Heller mit traurigem Blick, habe sie sehr getroffen. Als Christoph sagte: »Ich glaube, es wäre besser, ihr hättet keinen Sohn wie mich.«

 

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