07. November 2019, 19:27 Uhr

Logistikzentrum erhitzt die Gemüter

Hessen ist dank seiner zentralen Lage ein beliebter Standort für die Logistikbranche. Über die Folgen gerade für den ländlichen Raum wird - wie in Wölfersheim - mancherorts heftig gestritten. In Lich ist die Debatte mittlerweile aus dem Ruder gelaufen.
07. November 2019, 19:27 Uhr
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Von DPA
In Lich sorgt das geplante Logistikzentrum für Zwist. Die Stadt musste die Bauarbeiten laut Gerichtsurteil vorerst stoppen. (Foto: ti)

Hügel, Felder und Lagerhallen: In Hessens ländlichen Regionen entstehen immer neue Logistikzentren. Unternehmen nutzen die dort noch vorhandenen Grundstücke, Kommunen hoffen auf Einnahmen - und Anwohner fürchten Umwelt- und Verkehrsbelastungen. Zumindest aktuell in Lich, wo Bürger gegen das geplante Logistikzentrum eines Online-Händlers protestieren. Mittlerweile hat sich der Streit zugespitzt.

Ein großes Logistikzentrum in einem kleinen Ort - das ist aus Sicht von Alexander de Wit ein »Symbol« für aktuelle Probleme wie den Klimawandel und Ressourcenverschwendung. Die Bürger befürchteten negative Folgen für Natur sowie Flächenschwund, mehr CO2-Ausstoß und eine hohe Verkehrsbelastung durch den erwarteten Lkw-Verkehr, listet der Licher auf, der sich zusammen mit anderen Einwohnern gegen das Vorhaben engagiert. Stattdessen solle auf dem Areal, so die Forderung des Vereins »Bürger für ein lebenswertes Lich«, ein »besser ausgerichtetes und nachhaltigeres Konzept umgesetzt werden«. Die Kritiker bereiten ein Bürgerbegehren vor.

Auch andernorts in Hessen sind Logistikzentren geplant. Das Land ist dank seiner zentralen Lage und des Frankfurter Flughafens attraktiv für die Branche. Zu den wichtigsten Standorten zählt neben dem Rhein-Main-Gebiet auch die Mitte. Nicht umsonst hat der Online-Riese Amazon in Bad Hersfeld einen Standort und zieht es andere Firmen her. Rewe will in Wölfersheim ein Logistikzentrum bauen, der Versandhändler Otto in Gießen. Dieses Zentrum soll nicht auf der grünen Wiese entstehen, sondern auf einem innerstädtischen früheren Militärgelände. Wohl ein Grund, warum die Planungen hier nicht von größeren Protesten begleitet werden. In Lich sind die Gemüter teils derart erhitzt, dass die Polizei eingeschaltet werden musste: Bürgermeister Bernd Klein (SPD) erhielt vor Kurzem einen Drohbrief. Zuvor waren bereits Farbbeutel auf das Rathaus geworfen, tags darauf der Vorgarten des Bürgermeisters verwüstet worden.

Man habe 30 Jahre lang selbst versucht, das Areal an A 5 und A 45 in einem Gewerbegebiet, wo das Zentrum entstehen soll, zu entwickeln, sagt der Rathauschef. 2018 sei man mit einem Investor über einen Kaufvertrag einig geworden. Klein erwartet bis zu 500 neue Arbeitsplätze, mehr Steuereinnahmen und eine Stärkung der heimischen Unternehmen und Kaufkraft.

Neue Logistikzentren entstehen auch deshalb, weil die bequeme Warenbestellung per Mausklick weiterhin boomt. Der Online-Handel in Deutschland verbuchte im vergangenen Jahr nach Branchenzahlen einen Umsatz von 53,4 Milliarden Euro, ein Plus von 9,65 Prozent gegenüber 2017. Noch vor zehn Jahren waren es 15,6 Milliarden Euro. »Da im E-Commerce-Bereich ein enormes Wachstum entstanden ist, gibt es den entsprechenden Bedarf für Hallenflächen«, sagt Kuno Neumeier, Sprecher für den Bereich Logistikimmobilien bei der Bundesvereinigung Logistik. »Es werden im Jahr in Deutschland circa vier Millionen Quadratmeter neu gebaut. In diesem Jahr dürften es etwas weniger sein, aber nicht, weil es weniger Bedarf gibt, sondern die Grundstücke immer knapper werden.« Vor allem in den Städten.

Deutschlands Mitte ist ideal

»Daraus ergeben sich Ausweichbewegungen um die Ballungsgebiete herum auf dem Land, idealerweise in der Nähe von einer Autobahn«, erläutert Neumeier. Der Raum Gießen oder auch Kassel sei für die Branche ideal. »Standorte in der Mitte Deutschlands haben sich sehr positiv entwickelt, weil aufgrund der Paketdienstleistungsstruktur, die wir haben, Unternehmen den Service bieten können, innerhalb von 24 Stunden nach der Bestellung ein Paket liefern zu können.«

Große Städte seien keine Alternative, »weil dort schon viel zu viel Verkehr ist«, ergänzt Wolfgang Inninger vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik. Um Logistik ressourcenschonend zu organisieren, sei es ideal, »an strategisch günstigen Verkehrskreuzen Logistikzentren zu bauen.« Und die fänden sich häufig in ländlichen Regionen. Durch Logistikzentren würden Arbeitsplätze geschaffen, was der Verstädterung und der Landflucht entgegenwirken könne. Hinzukämen die wirtschaftlichen Effekte für Kommunen, um Einnahmen zu generieren.

Die Gegner des Licher Logistikzentrums bleiben skeptisch. Sie wollen nun ihre Planungen für ein Bürgerbegehren voranbringen. Rückendeckung erhielten sie jüngst vom Verwaltungsgericht Gießen in einem - noch nicht rechtskräftigen - Beschluss, wonach ein Begehren »weder rechtsmissbräuchlich noch offensichtlich aussichtslos« sei.



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