12. Februar 2019, 19:07 Uhr

Lukas Podolski als Kanzler

12. Februar 2019, 19:07 Uhr
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Von Inge Mueller
Er hebt den Zeigefinger und bringt das Publikum zum Lachen. Moritz Netenjakob hat schon Gags für »Die Wochenshow«, »Ladykracher« oder »Stromberg« geschrieben. Bei »Büdingen belesen« zeigt er sein Soloprogramm. (Foto: im)

Büdingen (im). Am Ende lag ihm das Publikum zu Füßen – vor Lachen: Moritz Netenjakob hatte in der Reihe »Büdingen erlesen« mit seinem Best-Of-Programm »Das Ufo parkt falsch« in der Willi-Zinnkann-Halle einen zweistündigen Parforceritt durch Kabarett und Comedy absolviert. Klammer des rasant wechselnden Kaleidoskops von Stilformen und Themen bildete die Frage: »Warum Humor?«, die Netenjakob abwechselnd flapsig, dann wieder mit politischer Wucht, brillanten Gesellschaftsanalysen und schließlich tiefgründig mit dem Sieg des Lachens über die Angst beantwortete: »Es geht darum, die Angstblase platzen zu lassen. Wer uns unterdrücken will, braucht unsere Angst. So einfach ist das. Also: Warum Humor, der doch auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist? Darum!«

Zwischen der Eingangsfrage und dem furiosen Finale, gekrönt von Hanfried Gochts grandioser TV-Schelte aus Netenjakobs Satire-Programm »Mit Kant-Zitaten zum Orgasmus«, lag ein Abend, währenddessen sich der Protagonist beständig selbst übertraf. Beginnend beim Ausflug durch die Top Ten seiner Tournee-Erlebnisse, erweckte der Grimme-Preisträger, Comedian, Autor und Gagschreiber für »Die Wochenshow«, »Ladykracher«, »Stromberg«, »Switch« und den »Quatsch Comedy Club« eingangs ein vollkommen neu zusammengesetztes Parlament »Berlin 2021« mit Lukas Podolski als Kanzler und Kevin Großkreutz als Außenminister zum Leben, bot mit seinem Alter Ego Daniel Hagenberger (aus dem Café-Roman »Milchschaumschläger«) Einblicke in den privaten Culture-Clash mit seiner türkischen Schwiegerfamilie und ließ anschließend das berühmte gigantische Ufo aus »Independence Day« über der Eifel einsegeln, wo es zunächst einen kleinbürgerlichen Schrebergartenstreit befeuerte, bevor es in Berlin den Potsdamer Platz pulverisiert.

Während im Hamburger Hotel Atlantik Udo Lindenberg, Peter Maffay und Herbert Grönemeyer in perfekter Imitation noch über aussichtsreiche Abwehrstrategien gegen die Aliens debattierten, ertönte im Hintergrund schon Edmund Stoibers Zehn-Minuten-Rede, garniert mit Opa Hoppenstetts Lametta und Reiner Calmunds Besänftigungsgenäsel. Von Letzterem war es nicht weit zu Sportschau-Legende Gerd Rubenbauer und seiner Gute-Nacht-Version von »Hänsel und Gretel«.

Unschlagbar auch die Variante des gleichen Märchens im Flugkapitän-Jargon, gefolgt vom EM-Finale 2014 aus der Perspektive der vor dem Bildschirm mitfiebernden Multi-Kulti-Familie, die den Spielausgang mithilfe Daumendrückens auf Türkisch effektiv zugunsten Deutschlands dreht.

Er wird zu Netanjahu

Man glaubte dem wandelbaren Netenjakob aufs Wort, dass er eigentlich nur für das Auge eine One-Man-Show darbietet. Für die Ohren gab er ein ganzes virtuoses Ensemble an Stimmen und Gags, Backstage-Einblicken und Lampenfieber-Momenten ab, so beim Intro in Schmidts Theater auf der Reeperbahn, wo man ihn als »Moritz Netanjahu« vorstellte, bei »Ottis Ottifanten«, wo er vom »Debütanten« zum »Dilettanten des Jahres« umfunktioniert wurde, beim Weiberfasching samt Grönemeyer-Holzmichel oder bei seinem fiktiven Auftritt in Korkheim an der Plörre.

Zurückkehrend zur Grundsatz- und Gretchenfrage »Warum Humor?« gab Netenjakob abschließend zu, dass sich selbstverständlich die Problematik aufwerfen ließe: »Wie könnt ihr Witze reißen und lachen, während draußen die Welt brennt?« Er antwortete mit dem Bonmot aus dem Mund eines Kölner Jecken: »Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wie könnt ihr Krieg machen, während wir Karneval feiern?«



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