10. April 2018, 17:00 Uhr

Sanierung Reinhardskirche

Mammutprojekt nach 15 Jahren abgeschlossen

Die Sanierung der Reinhardskirche, ältestes Gotteshaus von Bad Nauheim, ist nach 15 Jahren endlich abgeschlossen, Das Schmuckstück, die elf Meter lange Ikonostase, wurde jetzt wieder eingebaut.
10. April 2018, 17:00 Uhr
Nach fünf Jahren ist die kulturhistorisch wertvolle Ikonostase in die Reinhardskirche zurückgekehrt. Die Sanierung des Gotteshauses hat 2003 begonnen, jetzt ist das Mammutprojekt beendet. (Fotos: Brigitta Gebauer/pv)

Eine Bauzeit von 15 Jahren – das hatten sich der heutige Vorsitzende Günter Neubauer und seine Stellvertreterin Brigitta Gebauer bei der Gründung des Fördervereins Russische Kirche/Reinhardskirche im Jahr 2003 nicht träumen lassen. Alles sollte viel schneller gehen. Wie so oft bei historischen Gebäuden wurde der Fertigstellungstermin mehrfach verschoben, schließlich gar keiner mehr genannt. Mit dem Einbau des erneuerten Chorfensters konnte die Gebäudesanierung erst vor einem knappen Jahr vollendet werden.

Auch die Rückkehr der elf Meter langen Ikonenwand, die in der vergangenen Woche wieder in die Kirche eingebaut wurde, ließ länger auf sich warten als geplant. »Die Chefin des sechsköpfigen Restauratoren-Team war 2017 schwer erkrankt. Zudem mussten die Arbeiten mehrfach unterbrochen werden, weil das Geld fehlte«, erläutert Neubauer. Wie bei der Gebäudeinstandsetzung musste der Förderverein auch für die Ikonostase einen Eigenanteile von etwa einem Viertel aufbringen, um in den Genuss von Zuschüssen aus den Töpfen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, von Land, Kreis und Stadt zu kommen.

Gesamtkosten: 1,7 Millionen Euro

Insgesamt verschlang die Kirchensanierung 1,7 Millionen Euro, etwa 250 000 Euro entfielen auf die Restaurierung der Ikonen. Federführend war dabei das Landesamt für Denkmalpflege, als Beraterin des Vereins fungierte eine Mitarbeiterin des Ikonenmuseums in Frankfurt. Die Restauratoren wurden bereits 2013 tätig, zunächst im ehemaligen Balneologischen Institut am Sprudelhof. Später arbeitete das Team in einer Werkstatt in Frankfurt.

Brigitta Gebauer bekommt leuchtende Augen, wenn sie von der frisch restaurierten Ikonenwand erzählt, die vier große und elf kleine Kunstwerke umfasst. »Die ältesten Bestandteile stammen aus dem 18. Jahrhundert, die jüngsten vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Aufgrund dieser Geschichte ist diese Ikonostase einmalig in Westeuropa«, sagt die 2. Vorsitzende des Fördervereins. Weil die Wand von solch großem kunsthistorischen Wert ist, musste die Kirche mit Apparaturen zur Regelung der Luftfeuchtigkeit und Raumtemperatur sowie mit moderner Sicherheitstechnik ausgestattet werden.

Gemeinde hat Aufschwung erlebt

Die Ikonostase kam 1908 aus dem zentralrussischen Kloster Sarow nach Bad Nauheim, wo im selben Jahr die Reinhardskirche als russisch-orthodoxes Gotteshaus geweiht wurde. Sie ist der Hauptanziehungspunkt für die vielen Besucher, darunter etliche Kurgäste, die im Lauf eines Jahres die wöchentlichen Besichtigungs- und Führungstermine wahrnehmen. Der Förderverein würde sich allerdings mehr Werbung für das Kulturdenkmal durch die Stadtmarketing GmbH wünschen und hat sich diesbezüglich an ein Magistratsmitglied gewandt.

Letzte Ausbesserungsarbeiten erledigen die Restauratoren in der Kirche.
Letzte Ausbesserungsarbeiten erledigen die Restauratoren in der Kirche.

Die russisch-orthodoxe Gemeinde hat laut Neubauer einen Aufschwung erlebt. »Zu den Gottesdiensten kommen immer mehr Leute. Das Einzugsgebiet reicht bis nach Gießen und Marburg, in den Vogelsberg und Taunus.« Nach Pfingsten werde der Geistliche, der bisher mehrere Gemeinden betreue, nur noch für Bad Nauheim zuständig sein.

Holzwurm in Treppenstufen

Im Laufe des ersten Halbjahrs wird die vollständig sanierte Kirche vom Förderverein an den Eigentümer, die Bruderschaft des Heiligen Fürsten Wladimir (Bratswo) übergeben. Im Rahmen eines Festgottesdienstes der russisch-orthodoxen Gemeinde wird die Kirche ein weiteres Mal geweiht. Der Förderverein, dessen aktive Mitglieder fast alle im Rentenalter sind, hatte mit dem Gedanken gespielt, sich nach Abschluss des Mammutprojekts aufzulösen. Doch Neubauer, Gebauer & Co machen doch weiter.

In Abstimmung mit der Kirchengemeinde werden sie das Gebäude auch künftig der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Bauprojekte nehmen ohnehin kein Ende. »Die Treppe, die zur Empore führt, ist vom Holzwurm befallen und muss saniert werden. Sie wurde bereits ausgebaut«, berichtet Gebauer. Außerdem fehlt in der Reinhardskirche eine Toilettenanlage. Möglicherweise kann für diesen Zweck ein kleines, ebenfalls denkmalgeschütztes, aber marodes Bauwerk genutzt werden, das auf dem Gelände steht. Dem Förderverein geht die Arbeit also nicht aus.

 

Info

Älteste Kirche Bad Nauheims

Die 1733 eingeweihte Reinhardskirche ist das älteste Gotteshaus Bad Nauheims. Zunächst wurde das Gebäude als evangelisch-lutherische Kirche genutzt, dann als katholische. Anfang des 20. Jahrhunderts kamen pro Jahr tausende von russischen Kurgästen in die Stadt, deshalb wandelte man das Gebäude 1908 in ein russisch-orthodoxes Gotteshaus um. Im selben Jahr wurde die Ikonostase, ein Geschenk des Klosters Sarow, angeliefert. Zwei Jahre später besuchte der letzte russische Zar Nikolaus II. die Kirche und stiftete den Kronleuchter, der noch heute dort hängt. Nach der russischen Revolution verlor die orthodoxe Kirche in Bad Nauheim ihre Bedeutung. Erst in den 1990er Jahren erhielt die Gemeinde durch die vielen deutsch-russischen Spätaussiedler wieder Zulauf. Welche Bedeutung die Ikonen für die russisch-orthodoxe Kirche haben, zeigte sich 2010, als Erzbischof Georgij aus Nischnij-Nowgorod in Bad Nauheim zu Gast war. Er hätte die Ikonostase am liebsten erworben und seiner Diözese einverleibt, zu der das Kloster Sarow gehört. Förderverein und Kircheneigentümer Bratswo lehnten ab. (bk)

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  • Aufstände und Revolutionen in Russland im 20. Jahrhundert
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