02. Februar 2018, 21:02 Uhr

Man möchte ihm stundenlang zuhören

02. Februar 2018, 21:02 Uhr
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Von Gerhard Kollmer
Freut sich über das »Heimspiel«: Mathias Herrmann. (Foto: gk)

Îm Bibliothekszentrum Klosterbau ist kein Platz mehr frei – trotz Dauerregens. Wer den Schauspieler und Rezitator Mathias Herrmann kennt, will sich diesen Abend bei »Friedberg lässt lesen« keinesfalls entgehen lassen. Diesmal standen zwei Meistererzählungen Jack Londons auf seinem Programm. Herrmann folgt zu Beginn in großen Schritten den Lebensspuren des berühmten Autors, der zu den meistgelesenen weltweit zählt. Geburt 1876 im Armenviertel von San Francisco, Fabrikarbeit, Karriere als Kleinkrimineller, Sozialist, ein Jahr in Alaska als Goldsucher, seit 1900 erste Veröffentlichungen, schnelle Berühmtheit mit den Romanen »Ruf der Wildnis« von 1903 und »Wolfsblut« von 1906, schreibt 27 Romane und 196 Kurzgeschichten, Alkoholsucht, Tod 1916 mit 40 Jahren.

Die um 1900 spielende Erzählung »Chun Ah Chun« schildert so präzise wie lakonisch den steilen Aufstieg eines chinesischen Bauernsohnes aus der Provinz Kanton zum Multimillionär in der hawaiianischen Hauptstadt Honolulu, wohin er als junger Mann ausgewandert ist. Innerhalb weniger Jahre ist er Herr über ein ganzes Imperium aus Fabriken, Hotels, Liegenschaften. Wir befinden uns im Zeitalter des US-Hochkapitalismus, wie er seit Ende des Bürgerkriegs 1865 innerhalb weniger Jahrzehnte auch auf die Insel Hawaii übergreift.

Chun gründet eine Familie und wird Vater von zehn Kindern. Trotz seines märchenhaften Reichtums bleibt er bescheiden, vergisst nicht seine Herkunft. Mit zunehmendem Alter entfremdet er sich von seinen Kindern, die dem American Way of Life huldigen, und zieht sich ins (überwiegend von Chinesen bewohnte) portugiesische Macao zurück, um dort seinen Lebensabend zu verbringen.

Mit denkbar wenig Strichen skizziert London den Werdegang dieses großzügigen Mannes, der sich nie etwas zuschulden kommen lässt. Mathias Herrmann vergegenwärtigt diese kunstvolle – zwischen Melancholie und feinem Humor changierende – literarische Miniatur so gekonnt, so faszinierend, dabei auch kleinste Nuancen stimmlich-mimisch hervorhebend, dass man ihm stundenlang zuhören möchte. In ihm findet der Autor seinen adäquaten Interpreten.

Nach der Pause trägt Herrmann eine gänzlich anders geartete, etwa halb so lange Erzählung mit dem Titel »Das Gesetz des Lebens« vor. Wir tauchen ein in die Welt eines noch nomadisch lebenden Indianerstammes in Alaska. In einem strengen Winter verzweifelt auf Nahrungssuche, lässt der Stamm seinen ehemaligen Häuptling, der nicht mehr lange zu leben hat, in einem Zelt allein zum Sterben zurück.

Melancholie und Humor

Er unterwirft sich klaglos dem seit unvordenklichen Zeiten über die Menschen verhängten »Gesetz des Lebens«. Wie ein alter Elefant, der um seinen nahen Tod weiß, sich von der Herde zurückzieht, um diese nicht zu gefährden, so wartet der Alte im Frieden mit sich und der Welt auf den Tod. Ein Wolfsrudel, das ihm nach dem Leben trachtet, kann diesen Frieden nicht mehr ungeschehen machen.

War die erste Erzählung in einer Profitgesellschaft angesiedelt, die schon deutliche Zeichen von Naturvergessenheit und Dekadenz erkennen lässt, beschwört die zweite eine archaische, uns »Zivilisierten« grausam anmutende Welt. Was ist unmenschlicher: einen Alten einsam und hilflos dem Tod überlassen oder als Kapitalist seine modernen Sklaven sich für Hungerlöhne zu Tode schuften lassen?

Es war ein wunderbarer Einfall Mathias Herrmanns, diese beiden Welten aufeinandertreffen zu lassen. Lang anhaltender Applaus dankt es ihm.



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