07. Juni 2017, 20:15 Uhr

Mehr als Klamauk

07. Juni 2017, 20:15 Uhr
Einfach ein Unikat: ARD-Kultreporter Alfons mit oranger Trainingsjacke, französischem Akzent und dem – hier fehlenden – Puschelmikrofon. (Foto: im)

Wie findet man am verabredeten Treffpunkt zwei Freunde wieder, die man seit 20 Jahren aus den Augen verloren hat? Warum erhebt sich plötzlich ein riesiges Einkaufszentrum über dem Brachland, auf dem man damals zusammen Fußball gespielt hat? Und wo um alles in der Welt steckt Archimedes, der weise und witzige Clochard und Philosoph, in dessen windschiefer Gartenhütte man stets willkommen war und der so viel über das Leben wusste?

Ratlos steht ARD-Kultreporter Alfons (Emmanuel Peterfalvi) samt Puschelmikrophon und zerfleddertem Manuskript mitten in Paris, hält verzweifelt nach seinen ehemaligen Schulkameraden Jérôme, dem Herzensbrecher, und Jean-François, dem Vergesslichen, Ausschau – und nimmt, um allen das Warten zu verkürzen, sein Publikum schließlich mit auf eine Reise durch seine Kindheit.

»Wiedersehen macht Freunde« heißt das neue Programm des gebürtigen Parisers, Journalisten, Interviewers und Comedian, das er jetzt im ausverkauften Bürgerhaus Waldsiedlung präsentierte – unverwechselbar mit seinem französischem Akzent, seiner orangenen Trainingsjacke aus der einst in der DDR beliebten Kunstfaser Dederon und seinem profunden Wissen um liebenswerte Charakteristika der Menschen diesseits und jenseits des Rheins. Das Adjektiv »herzerwärmend« in der Ankündigung des Veranstalters traf den Kern der autobiografisch gefärbten Darbietung über die Höhen und Tiefen des Lebens, über Freundschaft und die Kunst, das Kind in sich zu bewahren.

Poesie, Philosophie und Witz, verblüffende Videoeinspielungen aus der Reihe »Puschel TV« und eine ordentliche Prise französisches savoir vivre bildeten ein buntes, jederzeit überraschendes Kaleidoskop von mehr als zwei Stunden, das zu keinem Zeitpunkt seinen Spannungsbogen verlor. Ganz im Gegenteil: Die wie zufällig erscheinenden Zugaben mit Bild- und Filmeinspielungen der drei tatsächlich wieder vereinten Freunde erwiesen sich als zwingend notwendig, um die Gesamtaussage des Abends abzurunden: »Bleibe dem inneren Kind in dir treu. Sperre es nicht in ein Einkaufszentrum aus Beton ein.«

»Das war mehr als Comedy und Klamauk – das hatte wirklich Tiefgang«, bemerkte eine Zuschauerin beim Verlassen des Bürgerhauses. Natürlich kam auch der Humor nicht zu kurz, etwa, wenn Alfons seinen Vater die Fernbedienung erfinden ließ, indem dieser aus Ärger über das Programm eine Flasche Rotwein am Fernsehbildschirm zerschmetterte. Die Mülltrennung wiederum – »Bio, Papier und Glas bleiben bei uns, der Atommüll kommt nach Deutschland« – wurde von Alfons’ Mutter penibel durchgeführt. Und dass die Ablösung von François Hollande durch Emmanuel Macron nur eine Frage der Zeit war, erklärte sich schon allein aus der Tatsache, dass Hollandes Beliebtheitswerte prozentual unter den Alkoholgehalt von Beaujolais primeur gesunken waren.

Seinen Höhepunkte erreichte »Wiedersehen macht Freunde« jedoch dort, wo es um die Trauer eines Kindes über den Weggang des Vaters ging, um die Freude über kleine Erfolge, neue Wegbegleiter und die Weisheiten eines Clochards namens Archimedes, den man, wer weiß, am Ende des eigenen Lebens vielleicht ebenfalls einmal wiedersehen wird.

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