01. September 2017, 19:45 Uhr

Mehr als Lagerfeuermusik

Den kleinen Finger wollte man geben, und man wirft gerne gleich den ganzen Arm hinterher. So ähnlich dürfte es den meisten Mitgliedern des Bluesharmonica-Treffs Wetterau ergehen. Zumindest hat man diesen Eindruck, wenn man einen der wöchentlichen Treffs in der Södeler Turnhalle besucht.
01. September 2017, 19:45 Uhr
Helmut Kaschner (l.) aus Bingenheim ist mit der Bluesharp voll in seinem Element und fühlt sich pudelwohl in der Gruppe. (Fotos: Stephan)

Wer beim Bluesharmonica-Treff nicht gerade spielt, sitzt mit anderen gemütlich beisammen, unterhält sich leise und lauscht den anderen, die üben. Zuerst sind um 18 Uhr die Anfänger dran, dann steigert es sich, bis spätabends die Profis und Semiprofis ein bisschen »jammen«. Spricht man die Mitglieder an, die aus allen Schichten der Bevölkerung kommen und meist im fortgeschrittenen Alter sind, hört man fast immer die gleiche Geschichte: »Ich habe den Mundharmonikaspielern zugehört, und ich mochte schon immer Musik, da wollte ich es mal versuchen. Mundharmonika soll ja einfach sein.«

So ist es, zu Beginn ist die Mundharmonika oder die Bluesharp (Blues-Harfe) sehr leicht zu spielen. Für jede gefragte Tonart gibt es eine eigene Harmonika mit zehn Kammern. Aus jeder Kammer erklingen zwei unterschiedliche Töne, je nachdem ob man die Luft hindurchbläst oder -zieht. Das ergibt also 20 Töne je Instrument, und weil alle aus einer Tonart stammen und der Erfinder des Instruments so schlau war, die Kammern in Terzen anzulegen, kann man eigentlich keine falschen Töne spielen. Anfangs. Für einfach Volkslieder reicht das oder für leichte Blues-Stücke. Das bestätigt auch der Vorsitzende Klaus Steitz, der seine Musikteams leitet wie ein Trainer seine Sportmannschaft, nicht wie ein Dirigent sein Orchester oder seinen Chor, alles ist viel lockerer. »Viele wollen einfach nur ein paar Volkslieder spielen können«, erzählt Steitz. »Wie man das so aus der guten alten Zeit kennt. Ein Instrument für die Hosentasche, das leicht zu spielen ist.«

Auch die Zunge spielt mit

Das ist der kleine Finger, den die Gruppenmitglieder anfangs geben möchten. Doch je mehr sie über das Instrument lernen, je tiefer sie in die Musik hineinrutschen, desto bereitwilliger werfen sie irgendwann den ganzen Arm hinterher. Bei einigem Überlegen fällt auf, dass die Mundharmonika nur 20 harmonische Töne von sich gibt, doch wie spielt man mit den »Blues«, der vor allem aus Blue-Notes, aus vielen akkordfremden Tönen besteht? »Das macht man mit Banding«, erklären die Anfänger, einige demonstrieren auch gleich stolz, wie weit sie diese Technik schon beherrschen.

Doch bald schon ist Steitz gefragt, der erklärt, dass man einem Instrument bis zu 43 Töne entlocken kann mit dem sogenannten Banding. Man verformt Mund und Rachen, ändert dadurch den Resonanzraum und rutscht zwischen die »eingebauten« Töne. So erklingen dann auch die bekannten, leicht schluchzenden Laute der Bluesharp. Steitz streckt dabei schon mal die Zunge raus. Nicht weil er unhöflich ist, sondern weil er zeigt, wie man mit der Zunge die gerade nicht benutzten Kammern verschließt, ein sogenannter Tongue Block, und damit mit mehr Power einen richtig »fetten Ton« aus der zarten Mundharmonika kriegt.

Doch gehört nicht nur Blues und Lagerfeuermusik zur Mundharmonika. Steitz lädt auch zu Country-Musik oder Irish Folk ein, bei denen die Bluesharp eine große Rolle spielt. Die Mitglieder begrüßen diese Blicke über den Tellerrand, kriegen neue Ideen und werden motiviert. Wie Martina Pflug wissen lässt, kann man 20 Prozent des Mundharmonikaspiels in gut vier Wochen erlernen, danach muss man üben. »Viele hier kann man sich ohne Musik gar nicht mehr vorstellen«, sagt Pflug. Wie schnell man untrennbar mit der Musik verwächst, ist individuell. Mitmachen kann trotzdem jeder, die unterschiedlichen Gruppen geben jedem die passende Möglichkeit. Ausflüge zu Fortbildungen und Konzerten bereichern das Vereinsleben.

Jugendliche finden zwar auch den Weg zum Bluesharmonica-Treff, doch sind es vorwiegend Rentner, die Spaß an der Musik haben und fit im Kopf bleiben wollen, oder Büromenschen, die einen Ausgleich suchen, oder einfach Musikliebhaber.

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