06. November 2019, 17:00 Uhr

Besuch beim Männerbund Schlaraffia

Mit viel Tamtam und Spaß zur Erleuchtung

Schlaraffen? Hat das was mit dem Schlaraffenland zu tun? Nein. Den internationalen Männerbund gibt es seit 160 Jahren. Die Bad Nauheimer Schlaraffen tagen seit 95 Jahren in Friedberg.
06. November 2019, 17:00 Uhr
Durch ein Spalier zieht Ritter Dal’berg im Augenblick aus Mainz in die Burg der Bad Nauheimer Schlaraffen ein.

seinen Sassen zu: »Rüstet Euch!« Die Schlaraffen bilden ein Spalier, kreuzen die (Holz-)Säbel, unter denen die Gäste feierlich in den Dicken Turm von Friedberg »einreiten«. Hier hat der Bad Nauheimer Männerbund »Schlaraffia Neuinheimbia Wetteraiba aurea« seine »Burg« eingerichtet. »Lulu!« rufen alle zum Gruß, und dann »Ehé!«, was »Prosit!« meint. Regeln müssen sein, auch wenn alles nur ein Spiel ist.

Am zehnten Tag des Lethemonats des profanen Jahres 1859 gründeten Schauspieler in Prag einen Männerbund. Die Treffen sollten nicht bierernst über die Bühne gehen. Wie im Karneval sollte der Standesdünkel karikiert werden. Die Ziele waren und sind aber hehre: Die Männer haben sich der »Pflege der Kunst und des Humors unter gewissenhafter Beachtung eines gebotenen Ceremonials« und zur »Hochhaltung der Freundschaft« verschrieben. Oder, wie es der Oberschlaraffe des Äußeren (eine Art Außenminister) Christian Weiße sagt: »Wir streifen die Schlacken der Profanei ab und suchen die blaue Blume der Freundschaft.«

»Sippung« mit »Quell« und »Lulu«

Dazu treffen sich die Bad Nauheimer Schlaraffen mittwochs zur »Sippung« (Sitzung), einem kuriosen Spektakel mit Labung in Form von »Quell« (Bier) oder »Lethe« (Wein), mit »Atzung« (Mettbrötchen), jeder Menge Titel (beinahe jeder Schlaraffe hat einen), mit Orden und »Fechsungen«, sprich: Vorträgen in Prosa, Poesie und Musik, wozu die Schlaraffen in die »Rostra« (Bütt) steigen. Als »Pilger« darf der WZ-Reporter dabei sein, wenn Ritter Don Bassinni mit der russischen Seele die rhetorische Klinge mit Ritter Ben Kalaf von Nei-lon oder Ritter Soroban kreuzt. Aber immer friedlich und zum Schluss heißt es stets »Ehé!«

Don Bassinni, so heißt Christian Weiße seit 32 Jahren. Als Oberschlaraffe leitet er die Sippung. Ihm gegenüber auf einem Regal trohnt ein Uhu, das Wahrzeichen der Schlaraffen, die sich im »Uhuversum« wohler fühlen als in der profanen Welt. Der Uhu, so heißt es in den »Grundsätzen und Richtlinien des Schlaraffentums«, »flößt dem fungierenden Oberschlaraffen die Erleuchtung und sämtlichen Sassen den Gehorsam gegen seine Verfügungen ein«. »Der Oberschlaraff muss aber auch ein kleiner Idiot sein«, verrät ein älterer Schlaraffe augenzwinkernd.

Zaubertricks, Bach und Poesie

Die Sippung besteht aus zwei Teilen, einem offiziellen Teil mit Begrüßung der Ur-, Erz-, Erb- und Ehrenschlaraffen, mit kurzen Ansprachen des Reychskanzlers, des Reychsmarschalls, des Reychsschatzmeisters, des Zeremonienmeisters, des Junkermeisters und einiger weiterer Titelträger. Dann wird der Verstorbenen gedacht, die »nach langer Bresthaftigkeit« (Krankheit) gen »Allhalla« (Jenseits) ritten. Auch hier darf die Labung nicht fehlen. »Lulu!« - »Ehé!« Nach einer »Schmuspause«, die der Nahrungaufnahme oder auch der Hebung des Nikotinspiegels dient, folgen die Fechsungen.

Ritter Frapant der Magische aus »Gyssen«, in fernen Zeiten Deutscher Meister des magischen Zirkels, führt Zaubertricks mit einem Seil vor, dass den Zuschauern schwindelig wird. Herbstgedichte und Gedanken über die Nacht werden vorgetragen, Goethe und Stoltze werden zitiert, selbst gedrechselte Verse sind zu hören und der Bericht eines Mitglieds über einen Besuch in Prag beim »Urschlaraffenreych«.

Dazwischen erklingt ein »Präludium« von Bach am Klavier, und auch der Reporter darf etwas zum Besten geben: ein Apfelweinlied auf der Gitarre, das mit »Lulu« begrüßt und einem kräftigen »Ehé!« samt Labung des durstigen Pilgers bedankt wird.

Zum Schluss betritt Ritter Büttenschelm der Narrenschiffer unter heftigem Geklimper seines mit Orden behangenen Talars die »Rostra«. Steffen Tüscher, so der bürgerliche Name, hat als Kind bekanntlich ein Reimwörterbuch verschluckt. Spontan und wie nebenbei packt er den kompletten Verlauf der Sippung in Reime. Da kann man nur sagen: »Ehé!« Oder, wie’s der allwissende Oberschlaraffe auszudrücken pflegt: »Wir danken Euch für Eure Mühewaltung.«

»Was wir hier machen, ist eine Persiflage auf die Gesellschaft«, sagt Weiße. Vor allem aber sind die Schlaraffen eine eingeschworene Gemeinschaft, ein Freundschaftsbund, in dem auch und gerade ältere Mitglieder angesehen und gefordert sind. »Schlaraffen leben länger«, ist Ritter Ben Kalaf, beinahe 90, überzeugt. Einen satirischen Text zu schreiben und vorzutragen, das hält die Hirnwindungen auf Trab. »Da ist man geistig gefordert.« Dafür gibt’s dann auch einen Orden, den der Oberschlaraffe aus einer Plastiktüte hervorkramt und dem Vortragenden wie nebenbei in die Hand drückt. Eine feierliche Verleihung wäre dann doch zu profan.

Dicker Turm als Tagungsraum

Über 400 Schlaraffen-Reyche gibt es weltweit, von Australien bis Kanada. Die meisten Reyche gibt es in Deutschland. Die Bad Nauheimer Schlaraffen wurden 1924 als 247. Reych gegründet. Während der Nazi-Diktatur waren die Treffen verboten. Die »Schlaraffia Nauinheimbia Wetteraibe aurea« nutzt als Versammlungsort den Dicken Turm der Burg Friedberg. Er zählt weltweit zu den schönsten »Burgen« der Schlaraffen. Als der Dicke Turm anlässlich der 1. Friedberger Kulturnacht für Flötenkonzerte geöffnet wurde, strömten hunderte Besucher hierher. In dem 20 Meter hohen und fast ebenso dicken Turm, 1492 bis 1495 als Batterieturm für Geschütze erbaut, gibt es zwei übereinander liegende Kuppelräume.

An den unteren Raum schließt sich die »Vorburg« an, eine zweiterRaum, der direkt unterder Gießener Straße liegt. Als diese vor Jahren saniert wurde und ein Ingenieur das Bauwerk begutachtete, wunderte er sich: »Das ist ein ungenehmigtes Brückenbauwerk, das müssen wir zuschütten«, verkündet er. »Das war ein Spaßvogel«, verrät Oberschlaraffe Christian Weiße. Ehé!

Schlagworte in diesem Artikel

  • Freundschaft
  • Friedberg
  • Johann Wolfgang von Goethe
  • Lyrik
  • Pilger
  • Religiöse Orden
  • Türme
  • Uhu
  • Zaubertricks
  • Bad Nauheim
  • Jürgen Wagner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 5 + 1: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.