29. Oktober 2018, 20:18 Uhr

Neubeginn der europäischen Musikgeschichte

29. Oktober 2018, 20:18 Uhr
Erich Fitzau

»So viel Anfang war nie«: Unter diesem Motto steht die aktuelle Vorlesungsreihe »Kultur auf der Spur« des örtlichen Volksbildungsvereins. Am vergangenen Montagabend stellte Erich Fitzau in seinem Referat unter dem Titel »Wahnfried« drei Schlüsselwerke Wagners als bedeutende Innovationen in der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts vor – seine »Meistersinger von Nürnberg«; den vierteiligen Zyklus »Der Ring des Nibelungen« und das Bühnenweihfestspiel »Parsifal« als sein musikalisches Vermächtnis. Am 30. April 1864 bezieht Wagner seine »Villa Wahnfried« auf dem Grünen Hügel in Bayreuth. Zwei Jahre darauf finden die ersten Bayreuther Festspiele statt. Was ist – auf den einfachsten Nenner gebracht – das Revolutionäre an Wagners von ihm selbst so genannten »Musikdramen« gegenüber der klassischen Oper? Ausgehend von der Idee des »Gesamtkunstwerks« komponierte Wagner – so Fitzau – nicht nur die Musik, sondern schuf auch den dazugehörigen Text. Damit schafft er eine Einheit von Wort und Gesang, wie sie klassische Opern mit ihren in der Regel schlichten Libretti nicht erreichen. Er verabschiedet sich von allen Bestandteilen der klassischen Oper wie Arien, Rezitativen, etc.

Hitler und die Wagner-Enkelin

Darüber hinaus sind seine Werke wie beispielsweise die »Ring«-Tetralogie und der »Parsifal« stark weltanschaulich geprägt – z. B. von der Philosophie Arthur Schopenhauers. Dessen Lehre vom blind agierenden »Weltwillen« als Hauptursache menschlichen Leids und vom Mitleid als höchstem ethischen Wert schlägt sich nicht nur im »Parsifal« nieder. Kunst wird bei Wagner zum Religionsersatz. Nur durch sie ist Befreiung von der Herrschaft des »Weltwillens« möglich.

Neben der Betrachtung von Wagner als musikalischem Revolutionär wandte sich der Referent eingehend der 1850 erschienenen antisemitischen Schrift »Das Judentum in der Musik« des 37-jährigen, seit seiner Teilnahme am Dresdner Aufstand von 1849 steckbrieflich gesuchten, noch weitgehend unbekannten Tonsetzers zu. Die in ihr vorgebrachten haltlosen Anschuldigungen gegen das angeblich Seichte in der Musik Meyerbeers und Mendelssohns als Ausdruck ihres Judentums wurden Bestandteil des nationalsozialistischen Wagnerkults nach 1933. »Die Meistersinger von Nürnberg« avancierten zu einer Art Nationaloper im »Dritten Reich«. Adolf Hitler als Wagner-Enthusiasten verband eine enge Freundschaft mit Winifred Wagner, der Enkelin Richard Wagners.

Wie weit das 1869 neu aufgelegte Pamphlet »Das Judentum in der Musik« wirklich Wagners tiefster Überzeugung entspricht, ist – so Fitzau – in der Forschung umstritten. Tatsache ist, dass er die rassistische Schrift »Von der Ungleichheit der Rassen« des französischen Grafen Arthur Gobineau scharf kritisierte. Vergleichbar der Umdeutung und Fälschung des Nachlasses von Friedrich Nietzsche durch seine Schwester Elisabeth, sind Richard Wagners Musikdramen und Schriften von seiner Witwe Cosima zum Inbegriff deutscher Kunst stilisiert und umgedeutet worden. Erich Fitzaus Einführung in Wagners Werk als Neubeginn der europäischen Musikgeschichte und in die verhängnisvolle Wirkungsgeschichte seiner antisemitischen Schriften stieß auf langen Applaus der zahlreich erschienenen Hörerschaft. (Foto: gk)

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