12. September 2019, 21:47 Uhr

»Neugiermaschine auf zwei Beinen«

12. September 2019, 21:47 Uhr
Literaturkritiker Denis Scheck, der Mann mit dem angenehmen schwäbischen Tonfall, zieht ungewöhnliche Vergleiche zur Gegenwart und schafft es damit, das Publikum bestens zu unterhalten. (Foto: gk)

»Nur die höchste Notwendigkeit konnte mich zwingen, den Entschluss zu dieser Reise zu fassen. Ich wäre zugrunde gegangen, wenn ich die Begierde, diese Gegenstände mit Augen zu sehen, nicht endlich hätte befriedigen können.« Fast fluchtartig verlässt der 37-jährige Schriftsteller und Staatsminister Johann Wolfgang Goethe Anfang September des Jahres 1786 die kleine Residenzstadt Weimar, in die er 1772 gekommen war. 20 Monate lang (bis Ende April 1788) wird er nun Italien als Land seiner Sehnsucht bis hinunter nach Palermo und Agrigent bereisen, - um sich dabei selbst zu finden, wie es an einer Stelle der erst 30 Jahre nach seinem Schlüsselerlebnis erschienenen »Italienäschen Reise« (so der Originaltitel) heißt: »Ich habe mich in dieser anderthalbjährigen Einsamkeit selbst gefunden; aber als was? Als Künstler!«

Der renommierte Literaturkritiker Denis Scheck war am Mittwochabend nach Friedberg gekommen, um in der Ovag-Hauptverwaltung sein ausführliches Nachwort zu Helmut Schlaiß’ jüngst erschienenem Fotobuch auf Goethes Spuren in Italien in Auszügen vorzustellen. Der Mann mit dem angenehmen schwäbischen Tonfall zieht binnen weniger Minuten die zahlreichen Hörer in seinen Bann - mit ungewöhnlichen Vergleichen, Parallelen zur Gegenwart, ohne jedoch in oberflächliches Aktualisieren zu verfallen.

Eine »Neugiermaschine auf zwei Beinen«: So tituliert Scheck den Mann, den beinahe alles interessiert - weit mehr als nur bedeutende Kunstwerke und architektonische Zeugen der Antike und Renaissance. Deshalb unterscheidet sich seine italienische grundsätzlich von klassischen Bildungsreisen der Art, wie sie etwa Vater Johann Caspar vierzig Jahre vor seinem Sohn unternommen hatte.

Charlotte verzeiht ihm nie

Goethe hält kaum einen »Gegenstand« nicht des Betrachtens wert. Das gilt selbst für die Art der Pastaherstellung in Sizilien - wie Scheck an einem originellen Beispiel aufzeigt. Dagegen Rom, die »Hauptstadt der Welt«! Der Tag, an dem er Rom betritt, wird für Goethe in der verklärenden Rückschau zum »zweiten Geburtstag, einer wahren Wiedergeburt«. Ermutigt durch seine Malerfreunde Angelica Kaufmann und Johann Heinrich Tischbein beginnt er zu zeichnen, schreibt eine Neufassung der »Iphigenie«. Zurückblickend auf die menschlich-künstlerischen Erlebnisse in der »ewigen Stadt«, wird er in einem Gespräch mit Eckermann über vierzig Jahre später sinngemäß äußern, dass er niemals wieder so glücklich gewesen sei wie in den Mauern Roms.

Denis Scheck verliert den roten Faden seines Essays zur »Italienischen Reise« - trotz aller scheinbaren Abschweifungen - in keinem Augenblick. Immer wieder weist er darauf hin, dass Goethes Italien-Reise ein (Um)-Weg zu sich selbst ist: »Werde, der du bist!« So heißt es in einem Brief an Charlotte v. Stein, die ihm seine »Flucht« nie verzeihen wird: »In jeder großen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn. Man muss sich hüten, ihn nachdenklich auszubrüten und zu pflegen.« Goethe wird, so Scheck zum Abschluss der mit viel Beifall aufgenommenen Lesung, bei seiner Rückkehr äußerst kühl empfangen: »Ich vermisste jede Teilnahme; niemand verstand meine Sprache.«

Das sollte uns Nachgeborene nicht daran hindern, in der »Italiänischen Reise« auch nach über 200 Jahren eine reich sprudelnde Quelle von Beobachtung und Reflexion zu sehen.

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