07. April 2019, 12:00 Uhr

»Hospiz macht Schule«

Ockstädter Kinder sprechen über den Tod

»Opa ist von uns gegangen.« Mit solchen Worten vermeiden Erwachsene oft, den Tod beim Namen zu nennen. Kinder kann das irritieren. Die Wetterauer Hospizvereine wollen das ändern.
07. April 2019, 12:00 Uhr
Am Projekttag »Vom Traurig-Sein« erhält jedes Kind eine Bohnenpflanze, die es in den selbstgestalteten Blumentopf setzt. »Anhand der Pflanzen sollen die Kinder lernen, Leben zu bewahren«, sagt Hospizhelfer Harald Koop. (Foto: kgg)

Sterben, Trauer und Tod – keine leichten Themen. Niemand spricht gern darüber. Und dennoch ist es wichtig. Denn wer Trauer nicht kennt, kennt auch keinen Trost. Wer Leid nicht kennt, kennt keine Freude. Und wer Krankheit nicht kennt, weiß Gesundheit nicht zu schätzen. Weil Leben und Sterben untrennbar miteinander verbunden sind, ist es wichtig, dass sich schon Kinder damit auseinandersetzen. So sehen das der Wetterauer Hospizdienst, die Hospizhilfe und die Grundschule Ockstadt. Sie macht mit ihren vierten Klassen erneut beim Projekt »Hospiz macht Schule« mit.

Im ersten Stock der Grundschule, in der Klasse 4b von Lehrerin Martina Leyh, haben sich die Schüler in einem Stuhlkreis versammelt. Zwischen ihnen sitzen sieben Ehrenamtliche der beiden Hospizvereine, die sie jeden Vormittag durch ihre Gefühlswelt begleitet haben. Jetzt, am Ende des vorletzten Tages der Projektwoche, sprechen sie darüber, womit sie sich bisher beschäftigt haben. Viele Arme schnellen in die Höhe bei der Frage, was ihnen bislang am besten gefallen hat.

 

Bestatter und Arzt stehen Rede und Antwort

Vor allem die vorgelesenen Geschichten sind den Kindern in Erinnerung geblieben. Etwa die von Bruno, dessen Großvater in der Geschichte »Hat Opa einen Anzug an?« gestorben ist. Der feine Anzug, den der tote Großvater trägt, irritiert Bruno. Und die Synonyme der Erwachsenen, die sie für das Sterben verwenden, versteht er nicht. »Der Tod ist immer noch ein Tabuthema«, sagt Sabine Becker von der Hospizhilfe Wetterau. »Dafür werden komische Wörter wie ›er ist von uns gegangen‹ oder ›für immer eingeschlafen‹ verwendet«, ergänzt Hospizhelfer Harald Koop. Anhand der Geschichte sollten den Kindern diese Begriffe nähergebracht werden.

Auf jeden Fall habe ich jetzt keine Angst mehr vor dem Tod

Leon, Klasse 4b

Aber nicht nur Erzählungen sind Bestandteil der Projekttage, auch Experten stehen den Kindern Rede und Antwort. Am Tag zum Thema »Sterben und Tod« etwa ist ein Bestatter gekommen. Am Thementag »Krankheit und Leid« hat sich ein Arzt vom Gesundheitsamt den Fragen der Kinder gestellt. Die Fragerunden fand jeweils mit der ganzen Klasse statt, während die Auseinandersetzung mit den sensiblen Themen in kleinen Gruppen mit je drei bis vier Kindern und jeweils einem eigens für das Projekt geschulten Hospizhelfer erfolgte.

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Das Abschiedsritual: Schüler und Hospizhelfer reichen sich beim Singen des Liedes »Der Him...

Dabei wurde nicht nur über Trauer und Tod gesprochen, sondern über alles, was die Kinder im Alter von neun und zehn Jahren bedrückt. »Jede Gruppe ist anders. Wir gehen keinem starren Konzept nach«, sagt Inka Kamradt, Ehrenamtliche im Hospizverein und selbst Pädagogin. So ging es in den vergangenen Jahren etwa auch um die Trennung der Eltern oder um Streit mit Geschwistern. »Es ist schön, dass man über alles reden kann und dafür Zeit ist«, sagt eine Schülerin, »und dass man erzählen kann, worüber man sonst nicht spricht«. »Die Themen der Projektwoche lösen bei manchen Kindern auch Erinnerungen an andere negative Erfahrungen aus, die sie aufwühlen«, sagt Hospizhelferin Andrea Roth. Ist das der Fall, kümmert sich einer der zwei zusätzlichen Hospizhelfer, die keiner Gruppe zugeordnet sind, einzeln um das Kind.

 

Ernstnehmen, ohne zu belehren

Und was sagen die Eltern dazu? »Sie sind stolz, dass ich über die Themen jetzt so viel weiß«, sagt ein Mädchen. Eltern seien in der Vergangenheit dem Projekt gegenüber eher skeptisch gewesen. Mittlerweile sei das anders, stellt Becker fest. »Vor Verlust und Trauer kann man die Kinder nicht schützen«, sagt Koop. Schon die Jüngsten schnappten vieles auf und seien dann meist sich selbst überlassen. »Dabei sind die Kinder die Eltern von morgen.« Durch das Projekt soll daran gearbeitet werden, dass bis dahin das Sprechen über den Tod kein Tabu mehr ist.

»Wir nehmen alle Ängste der Kinder ernst und sprechen darüber, ohne zu belehren«, sagt Koop. Über Religion würde nur gesprochen, wenn danach gefragt werde. Beim vorangestellten Elternabend und beim Elternfest am letzten Projekttag können sich die Eltern selbst ein Bild machen.

»Auf jeden Fall habe ich jetzt keine Angst mehr vor dem Tod«, resümiert Leon. Am Abschluss jedes Projekttages steht ein Ritual: Alle stehen von ihren Stühlen auf, nehmen ein buntes, zum Kreis geknüpftes Band in die Hand und singen das Lied »Der Himmel geht überall auf«. Knoten für Knoten reichen die Kinder das Band weiter, und jeder Name wird in den Liedtext eingebaut. Dann ertönt der Gong. Der Projekttag ist vorbei. Die Kinder laufen auf den Hof. Dort spielen sie Ball – ganz unbeschwert und fröhlich tobend.

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