02. August 2019, 17:00 Uhr

Lieblingsplatz

Oliver Seuss’ Idylle direkt hinterm Haus

Er legt den Finger auf den Mund und lauscht dem Distelfink. Das geht nur, weil Oliver Seuss die Diesteln auf der Wiese hinter seinem Haus nicht abschneidet. Diese Streuobstwiese ist sein Lieblingsplatz.
02. August 2019, 17:00 Uhr
Das satte Grün und die Ruhe machen die Streuobstwiese hinter Oliver Seuss’ Haus zu seinem Lieblingsplatz in der Wetterau. (Foto: jwn)

Die Streuobstwiesen direkt hinter seinem Wohnhaus in Assenheim ist Oliver Seuss’ Lieblingsplatz in der Wetterau. »Wegen dieser Streuobstwiesen an dem leicht ansteigenden Hang habe ich damals alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das Haus und das Grundstück damals kaufen zu können«, sagt Seuss, Architekt, Krankenpfleger und seit 2008 Lehrer für die Fächer Kunst und Ethik. Erst in Bad Nauheim an der Ernst-Ludwig Schule und seit kurzem in Frankfurt an der Integrierten Gesamtschule Süd.

Es sind die Unabwägbarkeiten und oftmals schweren Herausforderungen in seinem Leben, die ihm immer wieder den Weg in die Abgeschiedenheit der Streuobstwiesen hinter seinem Haus geführt haben. »Hier kann ich meine Seele richtig baumeln lassen und nach neuen Wegen und nach neuen Ideen suchen«, und dann geht er geradewegs auf eine Distel zu. »Obwohl Unkraut, würde ich diese Distel beispielsweise niemals abschneiden, da sie eine wichtige Nahrungsquelle für den Stieglitz, volkstümlich auch Distelfink genannt, ist. Und dann lauscht Seuss und deutet mit erhobenen Zeigefinger vor dem Mund an, doch kurz einmal schweigen zu wollen.

Seuss ist Jahrgang 1963 und eigentlich ein Frankfurter Bub. Mit seinen Eltern zog er aber schon 1974 nach Niddatal. In Friedberg machte er sein Abitur und schloss daran einen Zivildienst mit anschließender Ausbildung zum Krankenpfleger. »Ich habe im Zivildienst so viel Leid gesehen, dass ich das Bedürfnis hatte, mit der Ausbildung zum Krankenpfleger den Menschen helfen zu wollen. Außerdem wollte ich anschließend Medizin studieren«, erinnert sich Seuss. Da aber die Wartezeit auf einen Studienplatz zu lang war, entschied er sich um und wählte Architektur. Er macht sich später selbstständig. Doch weil er auch hier gegen den Trend marschierte und ihm die zu der Zeit übliche Bauweise nicht zusagte, wechselte er 2008 schließlich ins Lehramt an eine Schule in Bad Nauheim. Sein Interesse an der Politik erwachte aber schon viel früher - zu Jugendzeiten. Obwohl er sich selbst als Atheist bezeichnet, haben ihn die katholische Religionslehre und die christliche Soziallehre stark geprägt, denn über die hat er mit seinen Lehrern schon damals trefflich streiten können. Die Folge war, dass er mit 16 Jahre der SPD beitrat, um sie dann allerdings wenig später wegen des Doppelnachrüstungsbeschlusses von Helmut Schmidt wieder zu verlassen. Rund 20 Jahre später zog er dann aber doch wieder über die SPD-Liste in die Niddataler Stadtversammlung ein, wechselte aber später dann zu den Grünen, deren Sprecher er momentan neben Marielle Loos ist. »Ich mache mir Sorgen um die Zukunft und zwar die von meinen beiden Kindern genauso wie die unserer Gesellschaft«, meint Seuss plötzlich sehr nachdenklich. Der Drang, immer größer, höher und weiter macht nicht nur die Natur kaputt, »er zerstört unwiederbringlich auch unseren Lebensraum«. Deshalb lehnt er sich gegen immer mehr Neubaugebiete auf der grünen Wiese auf, gegen das Zubetonieren von Ackerflächen und gegen das Abholzen beispielsweise solcher idyllischer Streuobstwiesen. »Wer hier mal ein, zwei Stunden allein und abgeschieden von der andauernden Hektik sich aufhält, das Leben und Treiben der vielen Tierarten auf einer Wiese oder in einem Obstbaum beobachtet, der kommt ganz bestimmt zu anderen Erkenntnissen als ein Mensch, der alles nur vom Schreibtisch her entscheiden will«, ist sich Seuss sicher. Ihm gefällt der Platz in den Streuobstwiesen hinter seinem Haus so gut, dass er im Sommer keinen Urlaub außerhalb seines Grundstücks mehr plant. Verständlich wird das, wenn man die lange Liste seiner ehrenamtlichen Verpflichtungen ansieht, denn er ist nicht nur in der Niddataler Stadtpolitik engagiert, sondern auch als Landessprecher Unabhängige Lehrer in Hessen, als Mitglied im Hauptpersonal der Lehrerinnen und Lehrer im Kultusministerium, als Anlagenplaner Regenerative Energien (Uni Kassel) oder als Mitglied Bundesstiftung Baukultur und der Schulkommission Wetteraukreis.

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