15. Juli 2019, 14:00 Uhr

Spitzenfrauen

Olivia Bickerle und Elena Reuhl: Zwei Frauen in einer Männerdomäne

Bei Olivia Bickerle und Elena Reuhl dreht sich alles um Fleisch. Sie stellen in Ober-Schmitten Hundefutter her. Für ihre Geschäftsidee werden die Echzellerin und die Florstädterin aber oft nur belächelt.
15. Juli 2019, 14:00 Uhr
Hündin Lotte ist die ehrlichste Kritikerin von Olivia Bickerle (l.) und Elena Reuhl. Die »Chefprobiererin« testet alle Sorten, bevor sie in den Verkauf gehen. (Foto: alh)

Huhn, Aprikose und Chiasamen, Rind mit Wurzelgemüse oder Lamm mediterraner Art - klingt wie die Menükarte in einem Restaurant. Ist es aber nicht. Hinter den Gerichten verbirgt sich Hundefutter. Hergestellt bei Doggiepack in Ober-Schmitten. Dafür stehen Olivia Bickerle und Elena Reuhl. Das Doppelgespann bezeichnet sich selbst als »die linke und die rechte Herzhälfte von Doggiepack«.

Der Weg zum verkaufsfähigen Hundefutter war alles andere als einfach. »Es gab viele Situationen und Momente in denen ich gezweifelt habe«, sagt Olivia Bickerle. Die 48-Jährige war es, die die Idee für das natürliche Hundefutter hatte. »Oft habe ich mir gedacht, wie bescheuert warst du eigentlich? und hätte am liebsten aufgegeben«, sagt die Echzellerin. »Hätten wir vorher gewusst, welche Hürden auf uns zukommen, hätten wir den Schritt wahrscheinlich nie gewagt.«

Artgerechtes Futter ohne Zusätze

Bickerle hat auf zweitem Berufsweg eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin gemacht. Dabei stellte sie fest, dass sich gesundheitliche Probleme bei Hunden oft mit der richtigen Ernährung lindern lassen. Wichtig sind viel Fleisch und frische Zutaten ohne künstliche Zusätze. »Also genau das Gegenteil von industriell hergestelltem Hundefutter aus der Dose«, sagt Bickerle. Wer seinen Hund nach der sogenannten BARF-Methode ernähren will, muss also am besten alles selbst machen - vom Fleischeinkauf bis zur Zubereitung. Hier sah Bickerle Potenzial. Sie wollte Hundehaltern eine Möglichkeit bieten, ihre Hunde artgerecht und ohne Zusätze zu füttern- und das so bequem wie mit Nassfutter aus der Dose. Die Idee rückte aber erstmal wieder in den Hintergrund.

2014 begann Bickerle die ersten Fertigmenüs zu kreieren. Testesserin waren Hündin Lotte und später auch einige Hunde aus dem Freundeskreis. Auch Elena Reuhl war mit Hund Bootsmann unter den Testern. »Da mein Hund selbst an einer Gelenkerkrankung leidet, war ich sofort begeistert von der Idee«, sagt die 30-Jährige. Also kündigte die Florstädterin ihren festen Job im Einzelhandel und wagte gemeinsam mit Bickerle das Abenteuer.

Seit Anfang 2016 gibt es Doggiepack offiziell. Produktionsstätte ist das ehemaligen Schlachthaus in Ober-Schmitten. Reuhl entschied sich kurzerhand für den Schritt in die Selbstständigkeit, Bickerle hatte schon länger darüber nachgedacht. Bevor sie als Tierheilpraktikerin gearbeitet hat, war sie lange Zeit im Marketing und im Vertrieb tätig. »Das eingeschränkte Mitgestaltungsrecht im Konzern und die häufigen Wechsel in der Geschäftsführung haben mich schon länger gestört«, sagt sie. »Je älter ich wurde, desto nerviger fand ich es.«

Das Motto: Augen zu und durch

Die Fleischverarbeitung ist eine Männerdomäne. »Die Leute haben uns nicht ernst genommen«, sagt Bickerle. Reuhl ergänzt: »Zwei Frauen, die Fleischereibedarf kaufen wollen, das finden viele komisch.« Man habe ihnen kaputte Maschinen verkauft, der Außendienstmitarbeiter, der die ehemalige Metzgerei belieferte, habe sie abfällig behandelt. Und auch bei der Bank habe man sie nur belächelt. »Wir haben bis heute keinen Kredit bekommen, weil die Bankberater nicht an unsere Idee glauben«, sagt Bickerle. Sie meint, dass das auch daran liege, dass sie Frauen seien.

Trotzdem haben sie nie aufgegeben. »Wir haben gelernt, dass aus jeder Krise etwas wächst«, sagt Reuhl. »Man darf sich nicht einschüchtern lassen. Es gibt immer einen Weg«, ergänzt Bickerle. Augen zu und durch. »Wir haben viel Blut, Schweiß und Tränen in das Projekt gesteckt und mehr geschafft, als wir uns vorstellen konnten.«

Inzwischen beschäftigen die Gründerinnen vier Mitarbeiter, demnächst werden sie in größere Räumlichkeiten mit mehr Lagerfläche umziehen. Ihr Hundefutter gibt es inzwischen auch in einigen Rewe- und Edeka-Märkten. Reuhl und Bickerle sind sich einig: »Wir haben allen gezeigt, dass wir es auch ohne Hilfe von außen schaffen. Darauf sind wir wahnsinnig stolz!«

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