15. November 2019, 20:13 Uhr

Ost und West auf Augenhöhe

15. November 2019, 20:13 Uhr
Beim Aufbau des neuen, demokratisch orientierten Sportes in Thüringen war Rolf Lutz aktiv beteiligt.

Donnerstag, der 9. November 1989, war ein grauer, trüber Herbsttag. »Wir hatten im Frankfurter Sportzentrum gerade eine längere Präsidiumssitzung des Landessportbunds«, erinnert sich Rolf Lutz, Autor und Archivar, Journalist und Sportfunktionär aus Stammheim. »Um 20 Uhr kam unser Hausmeister völlig aufgelöst in den Sitzungsraum gestürmt und schrie ohne Einleitung: ›Die Mauer ist weg - und Menschen aus der DDR kommen in Scharen über die Grenze. Sie sind frei!‹ Wir haben uns ungläubig angestarrt, die Sitzung rasch beendet, ich fuhr nach Haus und fand meine Ehefrau Monika vor dem Fernseher sitzend. Bis um vier Uhr morgens blieben wir beide vor dem Gerät, um nur ja keinen dieser historischen Momente zu verpassen.«

Rolf Lutz nimmt mit der Wimpel des Thüringer Fußball-Verbands aus DDR-Zeiten Platz vor den Ordnern mit Dokumenten, Urkunden, Zeitungsausschnitten und Fotos aus fast sieben Jahrzehnten deutsch-deutscher Sportgeschichte und denkt zurück. Als Junglehrer war er direkt an der Zonengrenze in Philippstal an der Werra tätig. Neben der schulischen Arbeit waren ihm die außerschulischen Bildungs-, Sport- und Freizeitaktivitäten junger Menschen wichtig, ebenso deren internationale Vernetzung. Er lud Klassen aus Frankreich, Österreich, Holland und England ins Dorf, ein Programmpunkt »Besuch an der Grenze« wurde Pflicht.

Sport als Staatsangelegenheit

Die Dokumente berichten von den nach dem Zweiten Weltkrieg noch gemeinsam verlaufenden sportlichen Wegen in Ost und West, die sich mit der Abschottung der DDR immer weiter voneinander entfernten. 1972 lief die DDR bei den Olympischen Spielen in München erstmals mit eigener Mannschaft auf, Sport war da längst zur Staatsangelegenheit geworden.

Rolf Lutz übertrat die Grenze zur DDR 1969 zum ersten Mal, damals im Auftrag der VHS Bad Hersfeld, die eine Einladung auf die Wartburg erhalten hatte. Unvergessen sind für ihn die ersten Jahre nach dem Mauerfall. Es gelang ihm, die Aufbruchstimmung auch nach Stammheim hinein und direkt an die Sportgemeinschaft SG 1920 zu vermitteln. Ein erstes Treffen mit Sportlern aus der DDR arrangierte Karl Seipel gemeinsam mit seinem ehemaligen Kriegskameraden aus Walschleben bei Erfurt, Karl Marx. Auch Florstadts damaliger Bürgermeister Heinrich Trupp nahm an dem ersten gesamtdeutschen Treffen auf dem Boden seiner Kommune teil. Weit über 100 Gäste reisten an, die auf Gastfamilien verteilt und freudig aufgenommen wurden. »Man richtete ein gemeinsames Fußballspiel in Ilbenstadt aus und trennte sich brüderlich beim Stand von 4:4«, weiß Lutz noch heute. Im Zuge dieser Vereinspartnerschaft begann die Freiwillige Feuerwehr Stammheim, Kontakte mit den Feuerwehr-Kameraden in Elxleben aufzunehmen und stellte diesen später auch ein Fahrzeug zur Verfügung.

»Bei all dem war es - auf Landesebene wie an der Basis - immer wichtig, einander auf Augenhöhe zu begegnen. Der Aufbau demokratischer, ehrenamtlicher und gemeinnützige Vereinsstrukturen verlangte große Anstrengungen im Osten, bei denen der Hessische Landessportbund wie auch der Hessische Fußballverband helfend zur Seite standen«, erinnert sich Lutz.

Die Zeiten intensiver Hilfe beim Einrichten von Büro- und Verwaltungsinfrastruktur, der Austausch von Schiedsrichtern und Spielern, Publikationen und Know-how, die gemeinsame Nutzung von Spielstätten und das Knüpfen von Freundschaften liegen nunmehr 30 Jahre zurück. Viele kleine und große Ereignisse aus der Zeit der Wende werden Lutz und seinen Mitstreitern dennoch unvergessen bleiben: »Es gab eine erste Übertragung des Hessischen Rundfunks aus Rasdorf, zwei Kilometer von der ehemaligen Grenze entfernt. Olympiateilnehmer aus Ost und West waren eingeladen, die Halle vollkommen überfüllt, die Sendezeit wurde um das Doppelte überzogen«, sagt Lutz, noch heute berührt. »Die Gäste aus dem Osten kamen einfach über die Straße hinweg auf die Halle zu, nicht über Minenfelder und Mauern, nicht unter Beschuss, sondern als freie Menschen. Die Euphorie war unbeschreiblich - und wir sollten uns unbedingt etwas von dieser Begeisterung des Anfangs für heute bewahren.«

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