21. Oktober 2019, 19:47 Uhr

Schattenwelt ohne Zeit und Raum

21. Oktober 2019, 19:47 Uhr
Er hat Banken ausgeraubt und jahrelang im Gefängnis gesessen: Jetzt schreibt und signiert Reiner Laux Bücher. (Foto: hau)

Über dem Leseabend in der Buchhandlung Bindernagel liegt gespanntes Erwarten. Als Reiner Laux mit braun gegerbtem Gesicht unter goldgelbem, zum Zopf gebundenen Haarschopf die Szenerie betritt, sich ruhig und freundlich mit Geschäftsführer Georg Neundorfer unterhält und sich schließlich im bunt gemusterten Ohrensessel niederlässt, ruhen neugierige Blicke auf der gepflegten Erscheinung.

Einen Lebenskünstler, einen Ex-Bankräuber und -Knacki in seiner neuen Rolle als Buchautor und Lesereisenden hat man hier nicht alle Tage zu Gast - zuletzt vor vier Jahren, kurz nach Erscheinen seines ersten Buches »Hinter blauen Augen«, in dem er von seinem Leben als Bankräuber erzählt als sei es ein großes, aus einer Laune heraus geborenes Abenteuer gewesen. Eine Mischung aus unkonventionellem Aussteigen aus gesellschaftlichen Normen und Kritik am Bankensystem.

Dass Reiner Laux binnen elf Jahren 13 Banken überfiel und nie auf frischer Tat ertappt wurde, liegt Jahrzehnte zurück. Nachdem ihn ein entfernter Bekannter verriet, wurde »Zorro, der Gentleman unter den Bankräubern« dann doch gefasst und zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Im sicheren Abstand zu den Ereignissen schrieb Laux nun sein zweites Buch. In »Seele auf Eis« beschreibt er seine Überlebensstrategien und übt Kritik am System Gefängnis als »Drogenparadies« und »Schule des Verbrechens«.

Acht Jahre hinter Gittern in Portugal und verschiedenen deutschen Gefängnissen sollten den Schwerpunkt des Abends in der heimeligen Atmosphäre der Butzbacher Buchhandlung abgeben. Laux berichtete von einer Schattenwelt ohne Zeit und Raum zwischen Sodom und Gomorra, zwischen Mond und Mars, von »testosterongeschwängertem Affenstall« und von Freiheitsentzug in engster Käfighaltung. Während der Auslieferungshaft in Lissabon mit 26 gewalttätigen Männern und kollektiver Zerstörungslust in einer Zelle zu verbringen, habe ihn Überlebensstrategien entwickeln lassen, blickte Laux zurück auf seinen »Job« als sprachgewandter Schreiber von Anträgen, Beschwerde- oder Liebesbriefen und den damit verbundenen Respekt seiner Mithäftlinge vor seiner Person.

Überhaupt habe er das Schreiben als Instrument der inneren Befreiung kennengelernt und auch über Sport, Arbeit und täglichen Überlebenskampf positive Energie in den brutalen Alltag gebracht. »Das war keine verlorene Zeit für mich«, sagt Laux heute. Schließlich sei er stärker raus-, als in den Knast reingekommen. Aus einer Sicht eine große Ausnahme. Wenn er von »Asozialisierung« statt Resozialisierung erzählt, von »Drehtürkriminalität« und dass Gefangene keine Lobby haben, knüpft Laux an seine Knasterfahrungen zwischen 1996 und 2004 an. Die Suizidkontrolle beispielsweise gehöre abgeschafft, sie sei reine Folter und könne durch moderne Elektronik abgelöst werden. Dringend bedürfe es eines Übergangsmangements für Häftlinge vor ihrer Entlassung. Sie würden sich selbst und dem kriminellen Teufelskreis überlassen. »Das Problem wird totgeschwiegen«, kritisiert Laux und schießt nicht zuletzt gegen Prominenz-Gefangenschaften wie die von Hoeneß oder Middelhoff.

Der Leseabend in Butzbach geriet schließlich zur angeregten Diskussionsrunde über Zustände im Gefängnis, dessen »Innenleben« Laux indes ohne Reflexion auf seine eigene Vorstellung von Recht und Moral als Bankräuber schilderte. Danach wurde er auch nicht gefragt. Ein Kapitel unter dem Titel »Schuld und Sühne« findet man in seinem neuen Buch. An seinem Credo scheiden sich die Geister: »Wo das Gesetz das Unrecht, die Ausplünderung durch die Banken schützt, muss man zum Gesetzlosen werden, um die Dinge wenigstens im privaten Rahmen eine wenig zurechtzurücken.«

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