27. August 2019, 20:23 Uhr

Sie spielen jung, wild und schillernd

27. August 2019, 20:23 Uhr
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Von Hanna von Prosch
Beim Kammerkonzert in der Wilhelmskirche ist auch Gewöhnungsbedürftiges dabei. Mit genau diesen Stücken beweist das Ensemble sein Können. (Foto: hms)

Jung und wild, elegisch und schillernd: Die Auswahl der Stücke für das Kammerkonzert in der Wilhelmskirche war durchaus reizvoll. Die Abonnenten ahnten, dass sie sich mit Musik aus dem 20. Jahrhundert auch auf Gewöhnungsbedürftiges wie Gerald Finzis Klarinettenkonzert einließen. Doch schnell gelang es Cathrin Wenzel mit ihrem Soloinstrument die Begeisterung zu entfachen.

Das Motto des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar, in dem vorwiegend Laienmusiker und -musikerinnen zwischen 15 und 60 Jahren spielen, heißt »Jung bleiben«. Sie wollen sich nicht auf alten, vertrauten und bewährten Dingen ausruhen. Daher bieten sie in ihren großen Konzerten und im Kammerensemble mal etwas selten Gespieltes, etwas Ausgefallenes, natürlich Herausforderndes oder besondere Instrumentenkombinationen an. In diesem Konzert war von allem etwas.

Ein sehr trauriges Stück

Felix Mendelssohn Bartholdy hatte im Alter von zwölf Jahren bereits einige Streichersinfonien geschrieben, darunter die hier gespielte Nr. 3 - nicht zu verwechseln mit der »Schottischen«. Sie zeigt noch deutlich das lernende Ausprobieren nach Schemen mit Anklängen an die Bachsöhne und Mozart.

Als reifes, noch spätromantisch einzuordnendes Werk des Engländers Gerald Finzi entstand das Klarinettenkonzert op. 31 rund 120 Jahre später. Es ist zugleich sein populärstes. In den drei ausgedehnten Sätzen durchlebten die Zuhörenden bisweilen dissonante Stimmungen von bizarr bis schwermütig bei einer fantasievollen Führung der Streicher aber auch eine versöhnliche, eindringliche Klarinette. Cathrin Wenzel ist Soloklarinettistin im Orchester und unterrichtet Klarinette und Saxofon. Graziös, lebendig und voller Intensität kann man ihr Spiel beschreiben. Wenn die Streicher zum Solo hindrängen, nimmt sie die Aufforderung weich und elegant ab.

Was ist das traurigste klassische Stück mit garantiertem Tränenpotenzial? Samuel Barbers »Adagio for strings«. Es wurde bei den Beerdigungen von Kennedy und Einstein gespielt und schaffte es in die Filmmusiken von Sophie Scholl bis zu den Simpsons. Der erst 26-jährige Barber verwandelt in extrem langsamem Tempo mit elegischen Themen und dunklen Klangfarben das Gefühl der Trauer unmittelbar in Klang. Nach dem offenen Schluss bleibt ein stilles Fragezeichen. Beeindruckend waren die massigen Tiefen in Viola (Reinhild Allef), Violoncello (Christopher Blüthgen) und Kontrabass (Michael Götzen). Gleitender, sanfter hätten bisweilen die Violinen (Ariane Köster und Katharina Schumacher) sein dürfen.

Bravo-Rufe zum Schluss

Ebenfalls als Jugendwerk gilt Benjamin Brittens »Simple Symphony«. Er komponierte sie mit 20 Jahren eigentlich für ein Schulorchester, an das er allerdings einen sehr hohen Anspruch gestellt haben muss. Das Stück basiert auf acht seiner beliebtesten Kindheitsthemen. Die vier Sätze »ungestüme Bourrée«, »spielerisches Pizzicato«, »sentimentale Sarabande« und »ausgelassenes Finale« geben einen ganzen Strauß kindlicher Empfindungen vom Tanz bis zum zarten Lied wieder. Hier konnte sich das Ensemble richtig austoben und seine Energie entfalten. Besonders reizvoll war der 2. Satz, der komplett in melodiösem, temporeichem Pizzikato gespielt wurde. Die Bravo-Rufe und der begeisterte Schlussapplaus galten nicht nur, nach der Zugabe des hinreißend gespielten Swingstücks »Petit Fleur«, der Klarinettistin, sondern auch dem mit Leidenschaft spielenden Ensemble.

Der nächste Auftritt des Jungen Sinfonieorchesters Wetzlar ist am 10. November in der Bad Nauheimer Sinfoniekonzert-Reihe mit dem Chopin-Klavierkonzert e-Moll und der 5. Sinfonie von Tschaikowski.



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