21. Februar 2017, 20:00 Uhr

Bellendes Schwein

»Sir Alfons« hilft bei Therapie

Geht Judith Schäfer mit ihren Vierbeinern Gassi, drehen sie in Ockstadt die Köpfe nach ihr um. Vermutlich denken die Leute: »Ich glaub, mein Schwein pfeift.« Sir Alfons kann aber gar nicht pfeifen, dafür bellt das Mini-Wildschwin wie ein Hund.
21. Februar 2017, 20:00 Uhr
Schwein gehabt: Mini-Wildschwein Sir Alfons fühlt sich bei der Familie von Judith Schäfer sauwohl.

Saukalt ist es derzeit, da hält es Sir Alfons nicht lange in seinem Freigehege im Hof des Anwesens der Familie Schäfer. Dort, mitten im Ockstädter Ortskern, kann man hören, was früher gang und gäbe in den Dörfern war: ein grunzendes Schwein. Doch handelt es sich bei Sir Alfons keinesfalls um ein ordinäres Mastschwein. »Das ist ein asiatisch-afrikanisches Mini-Wildschwein«, sagt Judith Schäfer und hält Sir Alfons ein Stück Karotte hin. Der grunzt und mampft und trollt sich dann in sein Körbchen, das gleich neben dem von Wolle steht, dem schneeweißen Coton de Tuléar (Baumwollhund).

Die Idee, ein Mini-Wildschwein anzuschaffen, hatte eines von Schäfers Pflegekindern, ein Junge mit Mehrfachbehinderung. Auf einem Spaziergang im Kirschenberg meinte er seufzend: »Ich wünsche mir so sehr ein Wildschwein.« Was Kinder halt so sagen. Schäfer wiegelte erst ab, doch dann dachte sie sich: Ein bisschen Schwein könnten wir schon gebrauchen. Nicht, dass es vorher keine Tiere in der Familie gegeben hätte. Da sind ein Meerschweinchen, zwei Hasen, zwei Katzen und der Hund. Früher züchtete Schäfer deutsche Doggen, Tierliebe ist also zweifellos vorhanden. Den inneren Schweinhund überwand Schäfer schnell, suchte im Internet und fand einen Züchter in Schwerin.

»Wir haben uns das Muttertier angeschaut, um zu wissen, wie groß und schwer das Schwein wird.« Aber selbst, wenn Sir Alfons, der momentan 30 Kilo auf die Waage bringt, ein Riese geworden wäre, wäre er adoptiert worden. »Er kam auf uns zugerannt, da wussten wir: Den nehmen wir mit.«

Zu Hause fremdelte Sir Alfons erst einmal. »Er verkroch sich im Bad, ging auf Angriff, wenn man sich ihm näherte«, erzählt Schäfer. Zwei Wochen verweigerte er jegliches Essen, dann war er so gierig, dass er sich verschluckte und ein Tierarzt zurate gezogen werden musste. »Aber Tierärzte behandeln keine Schweine.« Hilfe gab es von der Klinik für Schweine an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Dort bekam Schäfer auch wichtige Tipps im Umgang mit dem putzigen Borstenvieh. So oder so stand für sie aber fest: Sir Alfons soll nicht vermenschlicht werden, er soll ein Schwein bleiben dürfen.

Wildschweine sind gesellige Tiere, sie leben in der Rotte. Sir Alfons’ Rotte ist jetzt die Familie mit Vater, Mutter, drei Kindern und drei Pflegekindern. Seit vielen Jahren nimmt Judith Schäfer behinderte Pflegekinder bei sich auf. Sie und ihr Mann sind in der Selbsthilfegruppe »Regenbogen« der Lebenshilfe Wetterau aktiv. Von Anfang an war klar, dass Sir Alfons nicht zum Spaß und zum Futtern von Karotten nach Ockstadt geholt wurde. Er ist sozusagen ein Therapie-Wildschwein. »Jedes Tier ist Therapie für behinderte Kinder«, sagt Schäfer. Nimmt sie Sir Alfons mit in die Selbsthilfegruppe, ist das für die Kinder eine spannende Sache. Schweine reagieren auf Menschen anders als Hunde. Die sind neugierig, gehen auf den Menschen zu. Schweine sind eher scheu. Der Mensch muss den ersten Schritt machen, Initiative ist gefordert. Als ein autistisches Kind unter den Tisch kroch und dort auf Sir Alfons traf, zog es ihn am Schwanz. Jedes andere Tier wäre weggerannt. Sir Alfons reagierte mit stoischer Ruhe.

Eines der Pflegekinder von Judith Schäfer leidet unter einer Schädigung des Sprachzentrums. Der Junge kann nur kehlige Grunzgeräusche mit den Stimmbandlappen produzieren. »Wie Dark Vadder oder Louis Armstrong.« Beim ersten Kontakt mit dem Mini-Wildschwein machte der Junge eine ganz neue Erfahrung: »Zum ersten Mal hat jemand zurückgegrunzt.« Eine innige Beziehung entstand.

Nach anfänglicher Scheu hat sich Sir Alfons in Ockstadt gut eingelebt. Zusammen mit Hund Wolle erkundet er Hof und Garten, hat dort auch sein Eckchen fürs große und kleine Geschäft. »Ist er im Haus, geht er aufs Katzenklo«, schildert Schäfer. Auf die Idee kam Sir Alfons ganz von alleine, schließlich sind Schweine entgegen anderslautender Gerüchte sehr reinliche Tiere. »Die suhlen sich zwar gerne im Schlamm. Das dient aber dazu, sich von Ungeziefer zu befreien.«

Suhlen kann man bzw. schwein sich am besten in der Natur. Deshalb geht es jeden Tag nach der Schule mit den Kindern zum Spaziergang in den Kirschenberg. Sir Alfons läuft dabei an der Leine. Anfang habe er Angst gehabt, jetzt flitze er über die Felder und fühle sich sauwohl, erzählt Schäfer. Trifft er Hunde und diese bellen ihn an, ahmt er das Geräusch nach und gauzt zurück.

Sir Alfons ist Veganer. Er mag am liebsten Obst und Gemüse, dazu gibt es täglich zwei Esslöffel Schweinemastfutter. »Da sind wertvolle Nährstoffe drin. Kriegt er das nicht, frisst er die Rosen oder knabbert Stühle an.« Sir Alfons sei kein Prestigeobjekt oder gar ein Spielzeug, sagt Schäfer. Mittlerweile ist er ein Jahr alt und fühlt sich in Ockstadt dem Augenschein nach sauwohl.

Gut wäre es, wenn er Gesellschaft von einer Schweine-Dame bekäme. Nicht um irgendwelche Ferkeleien zu machen, Sir Alfons ist kastriert. Aber er hätte dann einen Artgenossen in seiner Rotte. Dann wäre er vermutlich ein richtiges Glücksschwein, lacht Judith Schäfer, die jetzt Gassi gehen muss. Hund Wolle freut sich schon drauf und Sir Alfons sowieso. Er ist immer ganz wild, wenn es heißt: Frauchen lässt im Schweinsgalopp die Sau raus.

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