06. August 2018, 19:40 Uhr

Spiel, Satz, Emotionen

Was für ein denkwürdiger Tag. Der Krieg ist seit zwei Jahren zu Ende, und in Bad Nauheim gibt es Sport auf Topniveau. Zwei Tennis-Legenden stehen einander am 7. August 1947 auf dem Platz gegenüber. Ein dritter Star kommt hinzu. So gibt es ein Wiedersehen nach dunklen Jahren.
06. August 2018, 19:40 Uhr
George Pascal

Die frischen Temperaturen machen den 7. August 1947 zu einem etwas ungemütlichen Sommertag. Trotzdem ist auf der Bad Nauheimer Tennisanlage kein freier Platz mehr zu ergattern. Während viele der zusehenden US-Offiziere und deren Frauen Sakkos oder Ausgehkluft tragen, sind die übrigen amerikanischen Zuschauer in Uniform gekleidet. Die zehn Tennisplätze umfassende Anlage mit angeschlossenem Café in den Kolonnaden ist zwar noch von der US-Besatzungsmacht beschlagnahmt, aber inzwischen sind auch Deutsche willkommen.

Auf dem Ascheplatz stehen sich zwei Tennis-Stars gegenüber. Einer davon ist der 32-jährige Donald Budge, Wimbledonsieger 1937 und 1938. Er gilt als der beste Spieler seiner Generation. Aufschlag und Rückhand des großen Kaliforniers sind berüchtigt und von einer Härte, wie man sie noch nicht gesehen hat. Er war der erste Spieler, dem ein Grand Slam gelang. Sein Kontrahent ist der 29-jährige Bobby Riggs, Sieger des Wimbledon-Turniers 1939 und Weltranglisten-Erster. Nach dem Krieg sind Budge und Riggs die besten Spieler der Welt. Beide spielen inzwischen als Profis, dürfen somit nicht mehr an den berühmten Meisterschaften in Wimbledon, Paris oder New York teilnehmen, bei denen nur Amateure zugelassen sind. Budge und Riggs tingeln von Stadt zu Stadt, um fast täglich Schaukämpfe gegeneinander zu spielen. An diesem Tag sind die beiden Kalifornier in Bad Nauheim, um für die dort stationierten amerikanischen Streitkräfte zu spielen.

Obwohl man Tennis inzwischen in kurzen Hosen spielt, trägt Traditionalist Budge eine weiße Flanellhose, als er den Platz im Kurpark betritt. Als er seine Schläger ablegt, kommt ein Balljunge auf ihn zu, reicht ihm eine Visitenkarte. Auf der Rückseite steht eine handgeschriebene Nachricht: »Es ist lange her, Don…«. Budge weiß sofort, von wem die Nachricht stammt. Er dreht sich zum Balljungen um, fragt ihn, von wo er die Visitenkarte bekommt hat. Der zeigt auf den Zaun, von wo ihm ein Mann mit blondem Haar und aristokratischer Haltung zuwinkt. Sein Winken ist eher zögerlich, als ob er nicht sicher sei, ob Budge und er trotz des Krieges noch Freunde sind. Es ist Gottfried Freiherr von Cramm, in den 30er Jahren neben Max Schmeling einer der populärsten Sportidole Deutschlands und selbst im Ausland ein sehr beliebter Tennis-Star.

 

Von der Gestapo verhaftet

 

Budge und von Cramm sind Rivalen gewesen, aber auch gute Freunde, die viele große Kämpfe gegeneinander ausgetragen haben. Das Interzonen-Finale des Davis-Cups 1937 zwischen den USA und Deutschland in Wimbledon gilt noch heute als einer der Klassiker des Sports. Das entscheidende Match gewann Budge in fünf hart umkämpften Sätzen, was zugleich eine Niederlage für das Ansehen des nationalsozialistischen Deutschlands war.

Wenige Monate danach wurde von Cramm, der seine eindeutige Ablehnung des Nazi-Regimes längst offenkundig gemacht hatte, von der Gestapo verhaftet und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Der Tennisbaron musste an die Ostfront, wo er schwer verwundet wurde. Zwei seiner Brüder fielen, von Cramm schloss sich dem Umfeld der Widerstandskämpfer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg an und musste erleben, wie diese hingerichtet wurden.

Ende des Krieges rettete von Cramm das Leben eines verwundeten US-Soldaten nahe seinem Anwesen bei Hildesheim. »Warum?«, fragte ihn der Pilot. »Weil ich einst gegen Don Budge Tennis gespielt habe«, antwortete von Cramm. Der Amerikaner blickte ihn erstaunt an: »Dann müssen Sie Gottfried von Cramm sein.«

Jetzt, zwei Jahre nach Kriegsende, kommt es zu diesem Wiedersehen der zwei Freunde in Bad Nauheim. Budge hatte alles versucht, um von Cramm bei dessen Inhaftierung zu helfen, appellierte sogar an den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt. Es sind inzwischen neun Jahre vergangenen, seit sich die beiden zuletzt gesehen haben. »Ich ließ meinen Schläger fallen und wir umarmten uns«, erzählt Budge viele Jahre später. Am nächsten Tag verbringen die beiden Größen des Tennissports viele Stunden gemeinsam, sprechen über die Kriegsjahre und alte Zeiten.

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