18. Juni 2018, 10:04 Uhr

Mammutprojekt

Sprudelhof Bad Nauheim: Keine Großveranstaltungen 2019

Ab 2019 wird im Sprudelhof ein neuer Brunnen für Soleheilwasser gebohrt, der die drei bestehenden ersetzen soll. Ein Projekt mit vielen Unbekannten und großen Auswirkungen.
18. Juni 2018, 10:04 Uhr
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Von Bernd Klühs
Bei der Bohrung zwischen den zwei Sprudelbecken hoffen die Verantwortlichen auf Solewasser bester Qualität zu stoßen.

1846 hatte die Sole wie durch Zauberhand im heutigen Sprudelhof die Erde durchbrochen. Als »Weihnachtswunder« ging dieser Vorfall in die lokale Historie ein, legte den Grundstein für das »Bad« vor dem Nauheim. Ab 2019 ist kein zweites Wunder, sondern solide Ingenieursarbeit gefragt. Gebohrt wird ein neuer Brunnen, um das Heilwasser für die Stadt zu erhalten.

Die Skepsis war den Mitgliedern des Bad Nauheimer Bauausschusses und ihren Kollegen vom Finanzausschuss am Donnerstagabend in der gemeinsamen Sitzung anzumerken. Auf der Tagesordnung stand die Präsentation der Pläne für die Bohrung im Sprudelhof. Frank Thielmann (Geschäftsführer Stiftung Sprudelhof) und der federführende Projektmanager und Geologe Alexander Eber (Büro CDM) versuchten, den Politikern die Zweifel zu nehmen, was aber nur bedingt gelungen sein dürfte.

 

Sprudelhof Bad Nauheim: Viele offene Fragen

Um das Mammutprojekt der Bohrung einer neuen Solequelle ranken sich einfach zu viele offene Fragen: Es gibt keine Erfolgsgarantie, unklar sind die genaue Investitionssumme und die Bauzeit. Ebenfalls unbekannt: Wird das Solewasser, das hoffentlich 2019 oder 2020 ans Tageslicht dringt, wirklich eine ähnliche chemische Zusammensetzung haben wie die bekannte Bad Nauheimer Sole?

Frank Thielmann sprach gegenüber der WZ von hoher Wahrscheinlichkeit, verwies auf jahrelange geologische Untersuchungen, bemühte Erfahrungswerte. »Ich bin positiv gestimmt. Wir bohren zwischen zwei bestehenden Brunnen und gehen davon aus, auf dieselbe Wasserschicht zu stoßen«, sagte er. Sicherheit gebe es aber nicht. Thielmann bemühte den alten Geologen-Spruch »Vor der Hacke ist es dunkel.« Heißt übersetzt: Trotz aller Vorbereitungen herrscht erst Klarheit, wenn der Bohrer eine bestimmte Tiefe erreicht hat.

 

Sprudelhof Bad Nauheim: Bergamt lehnt Sanierung ab

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So hat der Bad Nauheimer Maler Heinz Geilfus das »Weihnachtswunder« von 1846 in einer Zeic...

Geologe Eber erläuterte den Ausschüssen die Einzelheiten. Danach liegt der Bohrantrag seit einigen Wochen beim zuständigen Bergamt. Diese Behörde hat sich gegen eine Sanierung der drei etwa 110 Jahre alten Bohrlöcher (Großer Sprudel, Ernst-Ludwig-Brunnen, Friedrich-Wilhelm-Brunnen) ausgesprochen.

Nach Ansicht der Behörde könnten damit die Hauptprobleme – Austritt der salzigen Sole ins Grundwasser und mögliche Ausgasung von giftigem Kohlendioxid (CO2) in die Kellerräume des Sprudelhofs – nicht gelöst werden. Ab dem Frühsommer 2019 wird deshalb zwischen den zwei Sprudelbecken zunächst eine Probebohrung niedergebracht. Auf rund 200 Metern wird die Firma bei optimalem Verlauf zwischen massiven Schichten von Quarzit und Kalk auf ein ergiebiges Solevorkommen stoßen.

 

Sprudelhof Bad Nauheim: Unberechenbare Altlöcher

Das Wasser wird dann auf seine Qualität getestet. Bei positivem Ergebnis erfolgt die endgültige Bohrung, ein Rohr wird verlegt, das Loch mit Spezialzement verfüllt. Eine neue Sprudelkammer wird errichtet, ein Leitungsnetz gebaut, um die Sole transportieren zu können. Anschließend muss über den zwei Sprudelbecken eine vier Meter hohe Plattform errichtet werden.

Auch in den alten Löchern muss nämlich gebohrt werden, um sie komplett ausräumen und abdichten zu können. Laut Eber ein kompliziertes Unterfangen: »Alte Bohrlöcher sind unberechenbar.« Anschließend wird die alte Sprudelkammer unter dem Großen Sprudel, die marode, aber standsicher ist, instand gesetzt.

 

Sprudelhof Bad Nauheim: Alternativ-Szenarien

»Ziel ist es, mit dem neuen Brunnen die gleiche Fördermenge von 45 bis 50 Kubikmeter pro Stunde zu erreichen wie mit den bestehenden drei Brunnen«, sagte Eber. Wie der Geologe auf Nachfrage erklärte, gebe es im Sprudelhof einen zweite Stelle, an der gebohrt werden könnte, sollte Versuch eins misslingen. Im schlimmsten Fall müsste doch ein bestehendes Bohrloch saniert werden, was aber äußerst schwierig ist. Laut Thielmann sind die obersten Gesteinsschichten nämlich aufgeweicht, weil aus den maroden Kupferrohren ständig Sole austritt.

Nach der Präsentation wurden Thielmann und Eber mit kritischen Fragen konfrontiert. »Können die Heilquellen komplett versiegen?«, wollte CDU-Politikerin Petra Michel wissen. Diese Möglichkeit schloss der Geologe aus, weil das CO2-haltige Wasser immer nach oben dränge. Nach den Referenzen der Firma CDM wurde ebenfalls gefragt.

»Ein riskantes Unterfangen«, lautete das Fazit eines Ausschuss-Mitglieds. Diese Meinung dürfte wohl vorherrschen. Thielmann ist dagegen optimistisch, dass in den fünf prall gefüllten Ordnern mit Planungsunterlagen alles berücksichtigt wurde. »Ich hoffe, dass wir kein zweites Weihnachtswunder brauchen.«

Info

Kosten: Rund 8 Millionen Euro

Im Doppelhaushalt 2018/19 hat das Land Hessen für das Bohrprojekt im Sprudelhof 7,2 Millionen Euro bereitgestellt. Für 2020 wird nach Auskunft von Frank Thielmann (Geschäftsführer Stiftung Sprudelhof) auf jeden Fall weiteres Geld benötigt – wie viel, hängt vom Verlauf der Arbeiten ab. Bezüglich der Bauzeit wird mit maximal zwei Jahren gerechnet, wenn alles planmäßig läuft, kann es deutlich schneller gehen. Befürchtungen, die Bohrung könne negative Auswirkungen auf andere Brunnen im Stadtgebiet haben, werden laut Projektmanager Alexander Eber berücksichtigt. »Wir werden das ständig kontrollieren.« Thielmann zufolge sind während der Bauzeit wegen der weiträumigen Absperrungen keine Veranstaltungen im Sprudelhof möglich. Die Badehäuser könnten genutzt werden. Wie Bürgermeister Klaus Kreß in der gemeinsamen Ausschusssitzung anregte, soll die Planung der Bevölkerung in einer Bürgerversammlung erläutert werden. Die Stiftung plant Termine, um eine Besichtigung der Baustelle zu ermöglichen. (bk)



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