11. Mai 2017, 08:00 Uhr

»Illegal«

Steinfurther Kleingärten an der Wetter sollen weichen

Seit Jahrhunderten gibt es an der Wetter in Steinfurth Kleingärten. Jetzt hat der Kreis die Anlage als illegal bewertet. Die Eigentümer verstehen die Welt nicht mehr.
11. Mai 2017, 08:00 Uhr
Gemüsebeete, kleine Hütten, Komposter – so sehen die Kleingärten an der Wetter aus. Warum die Anlage s plötzlich illegal sein soll, ist den Eigentümern ein Rätsel. (Foto: Nici Merz)

In ihrem Kleingarten fühlt sich Monika Born pudelwohl. Fast jeden Tag frönt die Steinfurtherin auf dem Gelände zwischen Wetter und Friedhof ihrem Hobby, gießt Gemüsepflanzen, erntet oder genießt die Sonne. Doch damit ist vermutlich bald Schluss. »Alles illegal«, lautet das Urteil des Wetteraukreises, die Gärten sollen verschwinden. Kommt es zum Rechtsstreit?

Die Rentnerin und acht Leidensgenossen fielen kürzlich aus allen Wolken, als sie ein Schreiben der Abteilung Strukturförderung und Umwelt des Wetteraukreises erhielten. Die neun Eigentümer der Kleingärten, die links des Feldwegs zwischen Steinfurther Hauptstraße und Friedhof zu finden sind, sollen Hütten, Zäune, Pflanze und »standortfremde Gehölze« bis zum 31. Oktober abräumen – auf eigene Kosten. Begründung: Ihr Gelände liegt im Landschaftsschutzgebiet Auenverbund Wetterau. Die Gärten seien nicht genehmigt und müssten beseitigt werden.

Die Kleingärtner verstehen die Welt nicht mehr. »Meine Familie hat den Garten seit etwa 1870, jetzt soll er plötzlich weg«, entrüstet sich Andreas Thönges. Früher, als Steinfurth ein Bauerndorf war, gab es im Ortskern kaum Platz, um Gemüse anzubauen oder Obstbäume zu pflanzen, deshalb wichen Bewohner auf Wiesen am Fluss aus. Diese Tradition hat sich gehalten, findet ihren Ausdruck im Flurnamen »In den Hellgärten«.

Thomas Berg hat seinen Garten erst 2010 erworben, betreibt dort ein kleines Ökoparadies mit Insektenhotel, Nistkästen, Rückzugsorten für Igel oder Wiesel. »Ich bin oft an Wochenenden und am Feierabend hier, um nach der Arbeit den Kopf freizubekommen. Chemie kommt auf meinen Beeten nicht zum Einsatz«, sagt er. Ihm ist völlig unverständlich, warum solch ein Garten nicht ins Landschaftsschutzgebiet passt. »Den Auenverbund gibt es seit 1989, unser Gebiet wurde wohl 2015 aufgenommen. Informiert wurden wir nicht.« Thomas Berg und die anderen Betroffenen legen Widerspruch gegen den Bescheid ein, wollen sich einen Anwalt nehmen. Für sie stellt sich auch die Frage des Wertverlustes: Als Gartenland ist ihr Grundstück ein paar Euro pro Quadratmeter wert, als Wiese deutlich weniger.

Thomas Berg und Mitstreiter Bernhard Fend recherchieren. Sie haben von einer vielleicht noch erhaltenen Urkunde aus dem 17. Jahrhundert gehört, mit der den Steinfurthern vom adeligen Grundbesitzer für alle Zeiten das Anlegen von Gärten an dieser Stelle erlaubt worden sei. Das, so Berg, wäre eine Genehmigung.

 

Kreis verweist auf Gerichtsurteile

 

Neben Kleingärten gibt es auf dieser Seite des Feldwegs Pferdekoppeln mit kleinen Stallungen, die ebenfalls abgerissen werden sollen. Früher zog sich die Anlage bis zur Kläranlage hin, die ebenso im Landschaftsschutzgebiet liegt wie Wiesen, die beim Rosenfest als Großparkplatz genutzt werden. »Ist das dann auch illegal?«, fragt Bernhard Fend, dessen Familie ihre Kleingärten seit etwa 70 Jahren nutzt. Seiner Ansicht nach hätte der Kreis das Gespräch suchen und Veränderungen vorschlagen sollen, damit die Gärten besser in die Auenlandschaft passen. »Darüber ließe sich reden.«

Wie ihre Grundstücke künftig aussehen sollen, wird den Eigentümern auf der anderen Seite des Feldwegs demonstriert. Auch dort gab es Kleingärten, teilweise bis zu 20 – allerdings auf städtischem Gelände. Die Stadt hat allen Pächtern gekündigt, bis auf einen wurden die Gärten im Herbst 2016 geräumt. »Jahrzehntealte Obstbäume wurden gefällt«, sagt Thomas Berg. Dort wird künftig nur noch Wiese wachsen – eine Au eben. Wie Jürgen Patscha, Fachbereichsleiter Stadtentwicklung im Rathaus, sagt, habe die Verwaltung selbst die Initiative ergriffen, der Kreis sei nicht aktiv geworden. »Wir haben uns einvernehmlich mit den Pächtern geeinigt.« Vorteil für die Stadt: Sie erhält zusätzliches Gelände, das als Ausgleichsfläche für neue Baugebiete angegeben werden kann.

Der Wetteraukreis reagiert gelassen auf die Überlegungen der Kleingärtner, notfalls vor Gericht zu ziehen. »Im Rahmen der planmäßigen Beseitigung solcher illegalen Anlagen im Kreisgebiet ist jetzt der Bereich Bad Nauheim-Steinfurth an der Reihe«, erklärt Kreispressesprecher Michael Elsaß. Die Gärten seien nicht genehmigt. Laut Rechtsprechung gebe es deshalb keinen Bestandsschutz. Elsaß: »Entsprechende Beseitigungsverfügungen wurden in der Vergangenheit vor Gericht immer bestätigt, auch vom Hessischen Verwaltungsgerichtshof.«

Der Auenverbund soll Naturschutzgebiete vernetzen. Der Schutzzweck ist in einer Verordnung definiert. In Paragraf 2 heißt es unter anderem: »Zweck der Unterschutzstellung … ist die Sicherung noch weitgehend intakter, durch Feuchtwiesen geprägter Auenbereiche der Flusssysteme von Horloff, Nidda, Nidder, Wetter und Seemenbach aus ökologischen und landschaftsästhetischen Gründen sowie als Lebensraum für auen- und fließwassergebundene Tier- und Pflanzenarten.« Die Veränderung durch den Menschen soll auch an der Wetter soweit wie möglich rückgängig gemacht werden. »Durch die Beseitigung der illegalen Bauten und Anlagen wird der naturnahe Zustand einer charakteristischen Auenlandschaft als Lebensraum wieder hergestellt«, erläutert der Kreispressesprecher.

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