18. November 2019, 05:00 Uhr

Abriss?

Streit um denkmalgeschützte Villa landet vor Gericht

In Bad Nauheim spielt Denkmalschutz eine große Rolle. Wer ein geschütztes Haus sanieren will, weiß ein Lied davon zu singen. Ist gar ein Abriss geplant, droht ein harter Streit. Beispiel Hügelstraße.
18. November 2019, 05:00 Uhr
Marode vom Keller bis zur Dachterrasse: Das Kulturdenkmal Hügelstraße 5 muss nach dem Willen der Behörden saniert werden, obwohl der Eigentümer die Kosten auf bis zu 2 Millionen Euro schätzt. (Fotos: Nici Merz)

Die sogenannte Kampmann-Villa in der Hügelstraße 5 wurde vor 60 Jahren vom renommierten Bad Nauheimer Architekten Prof. Johannes P. Hölzinger geplant, mit dem Jugendstil hat das Bauwerk also nichts zu tun. Jahre nach der Fertigstellung wurde das Haus gleichwohl unter Schutz gestellt. Wie es in der Denkmaltopografie des Wetteraukreises heißt, habe Hölzinger in seinem Entwurf unterschiedliche Aspekte aus dem Werk des weltberühmten Architekten und Städteplaners Le Corbusier vereint.

Klingt gut, nur wurde in den letzten Jahrzehnten kaum etwas in den Erhalt des Gebäudes investiert. Als Makler und Bauträger Rafael Jantos das Kulturdenkmal im Herbst 2018 zu privaten Zwecken erwarb, war es völlig runtergekommen. »Ursprünglich hatte ich die Absicht, die Villa zu sanieren«, versichert der Unternehmer. Er gab mehrere Gutachten in Auftrag, um die Instandsetzungskosten seriös schätzen zu können - und war bald ernüchtert. Laut Jantos müssten zwischen 1,6 und 2,1 Millionen Euro bereitgestellt werden, um das Sieben-Zimmer-Haus in einen bewohnbaren Zustand zu versetzen.

Lange Mängelliste

Die Mängel alle aufzulisten würde zu weit führen. Als Hauptargument, das gegen einen Erhalt spricht, nennt der Eigentümer zwei Sätze aus einer der Expertisen: »Derzeit ist die Standsicherheit des Gebäudes mehr als bedenklich, wenn nicht sogar als einsturzgefährdet einzustufen. Aus Erkenntnis der vielen schwerwiegenden Strukturschäden und aus wirtschaftlichen Gründen ist eine Sanierung nicht ratsam.« Laut Jantos steht ein Teil des Gebäudes auf einer ehemaligen Müllkippe, eine tragende Stahlbetonstütze habe sich deshalb um 13 Zentimeter gesenkt. Deshalb drohe ein Einsturz.

Der Unternehmer stellte deshalb beim Kreisbauamt einen Antrag auf Abriss, der nach Rücksprache mit den Denkmalschutzbehörden abgelehnt wurde. Sein Anwalt hat Widerspruch eingelegt, ohne Erfolg. Nun soll Klage beim Verwaltungsgericht Gießen eingereicht werden. Jantos ist enttäuscht vom Verhalten der Behörden: »Sie betreiben Prinzipienreiterei, schauen nicht nach rechts und nach links. Ignoranz und Arroganz herrschen vor. So wurden mehrere Schreiben meines Anwalts nicht beantwortet.«

Denkmalpflege: Keine Einsturzgefahr

In diesen Briefen ging es nicht zuletzt um ein Gegengutachten, das vom Landesamt für Denkmalpflege mit Sitz in Wiesbaden in Auftrag gegeben wurde. Wie Pressesprecherin Dr. Katrin Bek im Juli auf Anfrage der WZ erklärt hatte, liege lediglich ein Entwurf dieser Expertise vor, deshalb könne das Papier Jantos nicht zur Verfügung gestellt werden. Auf eine aktuelle Anfrage der WZ zu diesem Thema nennt Bek keine Details, beruft sich auf Datenschutzgründe und das laufende Verfahren.

Inhalte des Gegengutachtens veröffentlicht die Landesbehörde zwar nicht, trotzdem fällt sie ein eindeutiges Urteil. Die Villa sei nicht einsturzgefährdet, der Eigentümer zeige keine Bereitschaft zum Erhalt des Gebäudes und habe Gespräche über eine Sanierung abgelehnt, die mit zumutbarem Aufwand möglich sei, hatte die Pressesprecherin im Sommer erklärt. Jantos habe sich bewusst für den Erwerb eines Kulturdenkmals mit großem Sanierungsbedarf entschieden. Der Abriss eines geschützten Objekts sei stets die allerletzte Option. Das Landratsamt wollte im Juli, als die WZ erstmals über den Fall berichtete, keinen Kommentar abgeben. In einem Schreiben des Kreisbauamts, das unserer Redaktion vorliegt, werden die Aussagen der von Jantos beauftragten Gutachter in Zweifel gezogen. Zwar spreche ein Experte von großem Sanierungsbedarf und Einsturzgefahr, Belege liefere er allerdings nicht.

»Ich verlange nichts, was mir nicht zusteht. Mein Anwalt wird noch in diesem Jahr Klage einreichen«, sagt der Hauseigentümer. Ihm geht es ums Prinzip, deshalb ist er bereit, notfalls durch alle Instanzen zu gehen. Jantos: »Was hier passiert, grenzt an Behördenwahnsinn. Ich werde die Sache durchziehen, auch wenn es Jahre dauern sollte.«

Was ist zumutbar?

»Zumutbar« ist ein dehnbarer Begriff, der im Hessischen Denkmalschutzgesetz an zwei Stellen genannt wird, wenn es um den Erhalt geschützter Objekte geht. So heißt es in Paragraf 13, dass Eigentümer verpflichtet seien, Kulturdenkmäler »im Rahmen des Zumutbaren« zu erhalten. In Paragraf 18 geht es um den Abriss. Die Genehmigung ist demnach zu erteilen, »wenn und soweit ihre Ablehnung der Eigentümerin oder dem Eigentümer wirtschaftlich unzumutbar wäre«. Doch was ist unzumutbar? Im Fall der Villa in der Bad Nauheimer Hügelstraße schätzen Gutachter und Eigentümer Rafael Jantos die Sanierungskosten auf 1,5 bis 2,1 Millionen Euro. Ist eine solche Summe - sollte sie denn zutreffen - für den Hausbesitzer tragbar? Diese Frage wird vom Verwaltungsgericht beantwortet werden müssen.

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