14. März 2018, 08:00 Uhr

Panne im Pflegeheim

Tot, nicht tot, doch tot: Ein würdeloser Abschied

Den Tod eines Verwandten erleben die Nachkommen oft als Ausnahmesituation. Umso schlimmer, wenn es dabei zu Missverständnissen kommt. So geschehen in einem Pflegeheim in Rosbach.
14. März 2018, 08:00 Uhr
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Von Jürgen Wagner
Aufgehoben sein: Das erhofft sich, wer einen lieben Menschen in einem Pflegeheim unterbringt. Doch nicht immer klappt das. Häufen sich beim Tod eines Heimbewohners die Pannen, fühlen sich die Angehörigen vor den Kopf gestoßen. (Symbolfoto: dpa) (Foto: Oliver Berg (dpa))

Gertrud Hau litt seit Jahren an Demenz. Ihr Tod, sagen die Tochter Doris Wagner und der Sohn Heinz Hau, sei eine Erlösung gewesen. Und trotzdem: »Das war unter aller Würde.« Wagner und Hau sind noch Tage danach fassungslos. »Das war schlimm, wie man da mit uns umgegangen ist.«



Im Elisabethhaus in Bad Nauheim, wo Gertrud Hau einige Jahre lang lebte, lief sie immer wieder weg. Im Sommer 2015 folgte der Umzug nach Rosbach, das Pflegeheim der AGO-Gruppe erschien den Kindern als geeigneter Ort für die Mutter. Seitdem die Alloheim-Gruppe das Haus übernahm, hätten sie Zweifel daran gehabt. »Es gibt nicht genug Pflegekräfte. Die Mitarbeiter sind überfordert.« Mehrfach habe sie beobachtet, wie Bewohner regungslos vor ihrem Essen gesessen hätten, ohne Hilfe einer Pflegekraft.

 

Anruf in der Nacht

Nach einem Sturz aus dem Bett wurde Gertrud Hau im Januar  im Krankenhaus behandelt. Die 92-Jährige erholte sich, kam zurück nach Rosbach, brach dort aber laut der Tochter Tage später zusammen. »Wir rechneten täglich mit ihrem Tod.«

 

Wir wurden erst fünfzehneinhalb Stunden nach dem Tod der Mutter informiert

Tochter Doris Wagner

 

Am 19. Februar klingelte um 1.45 Uhr bei Doris Wagner das Telefon. Die Mutter sei verstorben, sie solle den Bestatter benachrichtigen, habe die Pflegekraft ihr gesagt. Wagner war perplex. Vereinbart war, dass sie im Todesfall nicht nachts informiert werden soll, sondern erst am anderen Tag. Als der Bestatter anderntags in Rosbach nachfragte, erfuhr er, dass die Mutter noch lebt. Um 8.15 Uhr wurde Wagner darüber telefonisch durch das Alloheim informiert. »Das war ein Schock. Was, wenn wir im Glauben, sie sei tot, hingefahren wären und sie noch lebend angetroffen hätten?«

 

Der zweite Schock

Es war nicht der letzte Schock. Am selben Tag starb die Mutter tatsächlich. Um 22.10 Uhr stellte der Arzt den Totenschein aus, als Todeszeit gab er 20 Uhr an. Die Kinder erfuhren davon erst einmal nichts. Am nächsten Tag gegen 11.30 Uhr klingelte bei Heinz Hau das Telefon. Obwohl die Tochter als zu benachrichtigende Bevollmächtigte in den Akten eingetragen war.
In Rosbach erfuhren die Kinder dann den Todeszeitpunkt und waren abermals schockiert. Wagner: »Erst fünfzehneinhalb Stunden später haben die uns Bescheid gesagt.« Die Alloheim-Gruppe mit Sitz in Düsseldorf hat die Vorwürfe von Wagner und Hau zurückgewiesen. »Nach der doch recht harschen Reaktion der Angehörigen, die ihren Unmut darüber äußerten, ›mitten in der Nacht‹ angerufen bzw. belästigt zu werden, entschuldigte sich unsere Mitarbeiterin mehrmals für den Anruf.« »Nichts davon stimmt«, sagt Wagner. »Niemand hat sich bei mir entschuldigt. Ich war fix und fertig.«


 
Panne beim Schichtwechsel
 

Seit zweieinhalb Jahren gehört das ehemalige AGO-Altenheim zur Alloheim-Gruppe; das Firmen...

Zur zweiten Panne, dem erst zu spät übermittelten Tod der Mutter, schreibt Alloheim: »Da sich die Angehörigen Anrufe in den Abend- und Nachtstunden ausdrücklich verbaten, wurden sie erst am folgenden Tag über das Ableben von Frau Hau informiert. Die Tochter konnte erst um 11.30 Uhr telefonisch erreicht werden.« Wagner: »Ich war zu Hause und erreichbar. Aber nicht ich wurde benachrichtigt, sondern mein Bruder.« Spätestens morgens beim Schichtwechsel hätte ihrer Ansicht nach geklärt werden müssen, »dass ich zügig informiert werde«.

 

Beileidsschreiben nicht angenommen

Der Tod eines Bewohners gehe allen Mitarbeitern sehr nahe, heißt es in der Stellungnahme der Alloheim-Gruppe. »Ebenso schwierig und emotional kann die Benachrichtigung von Angehörigen verlaufen, wie im Fall von Frau Hau.« Die Reaktion der Angehörigen habe die Mitarbeiter verunsichert. »Grundsätzlich möchten wir auch Angehörigen Beistand geben. Wenn dies abgelehnt wird, können wir uns nur dafür entschuldigen, wenn aus Sicht der Angehörigen der Informationsfluss nicht zu 100 Prozent ihre Zustimmung fand.« Die Heimleitung hat den Kindern ein Beileidsschreiben mit einem Trauerspruch geschickt. Wagner hat zurückgeschrieben, sie nehme, »nach dem, was sie uns zweimal angetan haben«, das Schreiben nicht an. Die Beileidskarte endet mit den Worten »In Anteilnahme, das Team der AGO Rosbach« – wie das Alloheim bis vor zweieinhalb Jahren noch hieß.

 

Infobox

Kritik an der Alloheim-Gruppe

Die Alloheim-Gruppe gehört dem US-Finanzinvestor Carlyle und gilt als drittgrößter privater Betreiber von Pflegeheimen in Deutschland. Wie die Unternehmensleitung in Düsseldorf mitteilt, sei der Vorwurf, es gebe in der Einrichtung nicht genügend Personal, falsch. »Im März beschäftigten wir sogar 1,78 Vollzeitkräfte mehr als notwendig. Von der Quote her haben wir derzeit 8,27 externe Vollzeitkräfte beschäftigt von insgesamt 21,50 Vollzeitkräften.« Ende vergangenes Jahr hatte es massive Kritik an den Zuständen im »Haus Taunusblick« in Niddatal-Assenheim gegeben, das ebenfalls zur Alloheim-Gruppe gehört: Bewohner sollen sich nachts eingenässt haben, weil personal fehle. Allhoheim sprach von »Verleumdungen«. Laut der gewerkschaft Verdi gehört Alloheim »zu den schlechteren Arbeitgebern in der Branche«. Die Kinder von Gertrud Hau haben die Heimaufsicht eingeschaltet. (jw)



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