20. Juni 2018, 08:00 Uhr

Turm für Tiere

Trafohaus als Tierhotel? Bedenken in Dorheim

Tierschützer wandeln immer mehr ausgediente Trafohäuschen in Tierhotels um. Vögel und Fledermäuse finden hier ein Zuhause. In Dorheim gibt es auch diesen Wunsch – und Bedenken.
20. Juni 2018, 08:00 Uhr
Die NABU-Gruppe Friedberg will den alten Ovag-Turm am Friedhof in ein Tierhotel verwandeln. Es gibt aber Probleme bei der Eigentumsfrage. (Foto: Nici Merz)

Jahrhundertelang boten Dachböden, Scheunen, Ställe und Schuppen den Tieren Ruhe- und Nistplätze. Durch den Strukturwandel in der Landwirtschaft und die Umnutzung vieler Gebäude ist das immer seltener der Fall. Die Staatliche Vogelschutzwarte Frankfurt hat daher ein Konzept entwickelt, wie ungenutzte Trafostationen in Tierhotels umgewandelt werden können.

In einem Brief an die Stadtverordneten erläutert Harald Bernd vom NABU-Vorstand die Vorgehensweise, die landauf, landab längst gängige Praxis ist: Der Energieversorger übergibt gratis oder zu einem symbolischen Preis das Gebäude an die Kommune, die einen Patenschaftsvertrag mit einer örtlichen Naturschutzgruppe abschließt. Die Naturschützer übernehmen dann auf eigene Kosten und mit Hilfe von Spenden die nötigen Einbauten und die Pflege.

 

Für Dohle, Turmfalke und Schleiereule

 

Wie die Vogelschutzwarte schreibt, sind es vor allem Kohl- und Blaumeise, Hausrotschwanz, Haussperling, Star, Mehlschwalbe und Mauersegler, die unter den Dächern brüten. Im Inneren werden Brutplätze für Dohle, Turmfalke und Schleiereule eingerichtet, auch Fledermäuse wohnen hier gerne. »Ein intaktes Dach und etwas Farbe können ein Trafohäuschen zu einem Wahrzeichen der Kommune werden lassen.« Der Trafoturm am Dorheimer Friedhof steht derzeit eher teilnahmslos in der Gegend herum, einziger Schmuck ist ein hässlicher Graffiti-Spruch. Schön ist anders. In anderen Kommunen wurden Tierhotels farbenfroh angemalt, mit Bildern ihrer Bewohner.

 

Gebäude »völlig in Ordnung«

 

Dr. Klaus-Dieter Rack machte sich im Stadtparlament für den SPD-Antrag stark. Der Ortsbeirat habe bei einem Ortstermin zusammen mit dem NABU-Vorstand festgestellt, dass das Gebäude innen wie außen »völlig in Ordnung« sei. »Das Mauerwerk ist in einwandfreiem Zustand.« Für die Innenausstattung könne man staatliche Fördermittel beantragen. Die Stadt müsse nur einen Überlassungsvertrag mit der Ovag abschließen, die den Abriss des Turms zunächst zurückgestellt habe.

Laut Bauamt bestünde ein Risiko, das Gebäude zu übernehmen, sagte Bürgermeister Dirk Antkowiak (CDU). »Dann tragen wir die Verkehrssicherheitspflicht.« Die Stadt habe in Dorheim und Ockstadt zwei Hochbehälter für Fledermäuse freigegeben. Gegen eine Umwandlung der Trafostation in ein Tierhotel spreche prinzipiell nichts, wenn der NABU das Gebäude übernehme. Antkowiak: »Wollen wir das Risiko tragen?«

 

Ein Gespenst geht um in Friedberg. Es nennt sich Verkehrssicherheitspflicht

Carl Cellarius (Grüne)

 

Welches Risiko? Das wollte Carl Cellarius (Grüne) wissen. »Das Gebäude ist in einem Topzustand. Wenn kein Meteorit drauf fällt, steht es in 100 Jahren noch.« Er wundere sich doch sehr über die Verwaltung, die das Gebäude offenbar nicht richtig begutachtet habe. »Das ist ein erhaltenswertes Industriedenkmal. In vielen anderen Kommunen übergeben die Städte und Gemeinden so was an Naturschutzverbände. Wo ist das Problem? Ein Gespenst geht um, es nennt sich ›Verkehrssicherheitspflicht‹«, sagte Cellarius. Olaf Beisel (CDU) äußerte Bedenken: Muss die Stadt unbedingt mit ins Boot? Können das nicht NABU und Ovag untereinander regeln? Auf Antrag der FDP wurde die Sache zur Beratung in die Ausschüsse verwiesen.

 

Nabu-Kritik an Stadt

 

Der Stadt ist das Risiko laut Bürgermeister Antkowiak zu hoch. »Deshalb will sie es auf einen ehrenamtlich arbeitenden Verein abwälzen?«, fragt sich Harald Bernd vom NABU-Vorstand. Die jährlichen Einnahmen der NABU-Gruppe beliefen sich auf etwas über 2500 Euro. »Versteht das die CDU Friedberg unter Schutz und Förderung des Ehrenamtes?« Bernd und seine Vorstandskollegen sind enttäuscht. Man arbeite seit vielen Jahren partnerschaftlich mit der Stadt zusammen, organisiere Müllsammlungen und die Baumpflanzaktion, biete fachliche Beratung bei der Auswahl der Bäume für Streuobstwiesen (zuletzt am Promenadenweg oberhalb der Seewiese) oder biete der Abteilung Grünplanung im Rathaus über das Vorstandsmitglied Dr. Stefan Nawrath Beratung bei der Anlage von Blumenwiesen an.

Die Antragsteller hoffen nun, dass in den Ausschussberatungen das »Gespenst Verkehrssicherheitspflicht« vertrieben werden kann.

Info

Platz für Fledermäuse und Eulen

Zum Tierhotel umgestaltete Trafostationen eignen sich laut der Staatlichen Vogelschutzwarte Frankfurt »hervorragend als Quartier für spaltenbewohnende Fledermäuse«. In Hessen ist der Fledermausschutz an umgewidmeten Trafohäuschen so erfolgreich verlaufen, dass das Umweltministerium die Bemühungen der Naturschützer mit der Plakette »fledermausfreundliches Haus« honoriert. Der Eulenraum in solchen Türmen ist abgetrennt von den Räumen für die anderen Bewohner. Eulenkästen werden aufgehängt, der Raum wird bis auf eine etwa 15 mal 20 Zentimeter große Einflugöffnung luft- und lichtdicht verschlossen. Sitzbretter erleichtern den Jungeulen ihre ersten Flugversuche. Dass Tauben den Turm in Beschlag nehmen, ist nicht zu erwarten; Tauben nisten nicht in so dunklen Räumen. (jw)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Blaumeisen
  • CDU
  • CDU Friedberg
  • Eulen
  • FDP
  • Fledermäuse
  • Haussperlinge
  • Industriedenkmale
  • Mauersegler
  • Mehlschwalben
  • Meteore
  • Naturschutzverbände
  • Naturschützer
  • Schleiereulen
  • Services und Dienstleistungen im Bereich Beratung
  • Tierschützer
  • Türme
  • Friedberg-Dorheim
  • Jürgen Wagner
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 24 - 4: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.