24. Januar 2018, 18:18 Uhr

Beilmord-Prozess

Überraschung im Beilmord-Prozess: Verdächtiger bricht Schweigen und streitet Tat ab

Der Angeklagte im Beilmord-Prozess von Ilbenstadt hat sein Schweigen gebrochen: Er streitet die Tat ab und verdächtigt einen anderen.
24. Januar 2018, 18:18 Uhr
»Helden leben lange«, steht auf dem Kapuzenpulli des Angeklagten – ein Zitat der umstrittenen Rockgruppe »Böhse Onkelz«. Verteidigt wird der 21-Jährige, der im vergangenen Jahr in Ilbenstadt den 40-jährigen Carsten B. mit einem Tomahawk erschlagen haben soll, von dem Frankfurter Rechtsanwalt Dr. Hans-Jürgen Kost-Stenger. (Foto: lk)

Dutzende Zeugen wurden gehört, zig Verhandlungstage fanden statt. Doch noch gibt es viele offene Fragen im Ilbenstädter Beilmord-Prozess, der immer dubioser und verworrener zu werden scheint . Eigentlich sollten am Mittwoch die Plädoyers gehalten werden. Dazu kam es nicht, stattdessen sagte die Mutter des Angeklagten aus. Auch der 28-jährige beste Freund des Ermordeten musste – zum inzwischen dritten Mal – in den Zeugenstand.

Hintergrund: Der Angeklagte, der 21-jährige Philipp H., hatte sich während des Prozesses lange nicht geäußert. Nun behauptet er, der Mitbewohner und beste Freund von Carsten B. habe diesen auf dem Gewissen. Die Anklage geht hingegen davon aus, dass H. den selbstständigen Unternehmensberater Carsten B. im April 2017 aus Habgier mit einem Tomahawk erschlagen hat. H. habe sich Handy, Laptop und rund 100 000 Euro des zurückgezogen lebenden B. geschnappt und die Flucht ergriffen (die WZ berichtete).

Warum er bislang geschwiegen habe, wollte Staatsanwalt Mike Hahn am Mittwoch von H. wissen. »Ich hatte gehofft, dass die Wahrheit irgendwie ans Licht kommt«, antwortete der frischgebackene Vater.

 

Mutter des Angeklagten wird angeblich bedroht

Die Mutter des Angeklagten sagte aus, für ihren Sohn sei Carsten B. eine Art großer Bruder gewesen. Er habe den 40-Jährigen bei der Bundeswehr kennengelernt, und ab dem Zeitpunkt »war er finanziell gutgestellt«, sagte die 60-Jährige. »Er hatte immer mindestens 1000 Euro im Geldbeutel.« Sie habe ihren Sohn gefragt, woher er das Geld habe. »Er wollte es mir nicht genau sagen«, habe ihr aber von Börsengeschäften erzählt, die er mit B. mache. »Es hieß, alles sei rechtens.« Sie sei davon ausgegangen, dass B. ihren Sohn ins Finanzwesen einführe. »Ich habe Philipp mal gefragt, wie lange er das noch machen will. Da sagte er, dass er in wenigen Monaten aufhören könne zu arbeiten, weil er dann genug verdient habe«, berichtete die Mutter. Sie sei davon ausgegangen, ihr Sohn sei mehrfacher Millionär. »Warum hat er dann noch bei Ihnen gewohnt?«, wollte Hahn wissen. »Ich dachte, weil es so am bequemsten für ihn ist«, antwortete die Frau.



Sie selbst will B. 36 000 Euro zu Anlagezwecken gegeben haben. Schriftlich habe sie das aber nicht. »Er versprach zehn Prozent Zinsen.« B. sei sehr sympathisch gewesen. Auch andere Bekannten hätten ihm Erspartes überlassen. Das Geld sei nun anscheinend weg. Dass ihr Sohn Hunderttausende für B. eingetrieben habe – das hatte Philipp H. behauptet – könne sie sich nicht vorstellen. Ihr Philipp sei »eigentlich ein ganz Lieber«. Die Einzelhandelskauffrau berichtete, sie werde bedroht, wisse allerdings nicht von wem. Mehrfach sei sie beim Autofahren von anderen Wagen verfolgt worden. Auf dem Flohmarkt habe ihr jemand zugeraunt, sie solle an ihre Familie denken. »Ich habe mich umgedreht, aber da waren so viele Leute.«

 

28-Jähriger Untermieter widerspricht Aussage des Angeklagten

Nach einer Unterbrechung der Verhandlung wurde eine Schwester des Verstorbenen als Zeugin aufgerufen. Die 33-Jährige, sie begleitet den Prozess als Nebenklägerin, wurde gefragt, ob es in einer Prozesspause zu einer Absprache mit dem besten Freund des Ermordeten gekommen sei. Die Studentin stritt das vehement ab.

Das tat auch der 28-Jährige, der noch immer in der Villa von B. lebt. Der auffällig adrett gekleidete Mann trat selbstsicher auf. Nein, er wisse nichts Genaues von B.s Finanzgeschäften. Nein, er habe auch nicht mitbekommen, dass der Angeklagte ein Partner von B. gewesen sei. Illegale Waffengeschäfte, wie H. behauptet hatte, habe B. seines Wissens nach nicht geführt. Genausowenig habe der Unternehmensberater eine Maschinenpistole besessen. Vom Staatsanwalt mit der Aussage des Angeklagten konfrontiert, dass er der Mörder B.s sei, antwortete der 28-Jährige: H. »hat eine blühende Fantasie«. Der Angeklagte wiederum sagte am Mittwoch, er selbst habe Carsten B. und dessen Kumpel beim Kauf besagter Maschinenpistole begleitet.

Im weiteren Verfahren sollen ein Anwalt und der Direktor einer Sparkassenfiliale gehört werden. Beide will der Angeklagte am Tattag getroffen haben.

Info

Die Version des Angeklagten

Der des Mordes angeklagte Philipp H. behauptet, Zeuge des Mordes von Carsten B. geworden zu sein. Am 7. April 2017 habe er den 40-jährigen B. wegen eines Geldwechselgeschäfts besucht. Plötzlich sei der Untermieter und beste Freund von B. nach Hause gekommen. Er und B. hätten gehört, wie der 28-Jährige eine schwere Truhe im Keller der Villa öffnete. Sie hätten es mit der Angst bekommen, da in der Truhe eine Maschinenpistole gelagert gewesen sei. Phillip H. will sich deswegen vorsichtshalber mit seinem Tomahawk hinter der Tür positioniert haben. Der 28-Jährige sei mit vorgehaltener Pistole in den Raum gekommen, habe ihn bedroht und ihm das Beil abgenommen. Dann habe er B. mit dem Tomahawk erschlagen und ihn (H.) dann gezwungen, die Waffe abzuwaschen und zu entsorgen. Das habe er dann auch getan. Der 28-Jährige habe auch das Geld an sich genommen. Die Staatsanwaltschaft hält die Aussage für eine Schutzbehauptung.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Bundeswehr
  • Einzelhandelskaufmänner
  • Erspartes
  • Finanzgeschäfte
  • Finanzwesen
  • Ilbenstadt
  • Maschinenpistolen
  • Staatsanwälte
  • Unternehmensberater
  • Verdächtige
  • Waffenhandel
  • Zeugen
  • Niddatal-Ilbenstadt
  • Laura Kaufmann
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 3 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.