12. August 2019, 11:00 Uhr

Neue Greifvogel-Gäste

Uhu-Rufe in der Innenstadt

Wildtiere wie Biber, Waschbär oder Marder fühlen sich in Bad Nauheim wohl. Greifvögel werden ebenfalls oft gesichtet, in jüngster Zeit auch die größte Eulenart.
12. August 2019, 11:00 Uhr
Ungewohnter Anblick, der in Bad Nauheim künftig vielleicht des Öfteren geboten wird: Ein Uhu ruht sich auf dem Dach einer Villa in der Luisenstraße aus. (Fotos: Rudi Nein/Hans-Otto Burkhardt)

Biber und Eulen, die in Bad Nauheim heimisch werden: Davon hätten Naturschützer vor Jahrzehnten nicht zu träumen gewagt. Doch das Phänomen der Kulturfolger - Wildtiere, die in menschlichen Ansiedlungen gute Lebensbedingungen vorfinden - macht auch vor der Kurstadt nicht halt. Zu den relativ neuen Bewohnern gehört der Uhu, mit einer Spannweite von bis zu 1,70 Meter die größte Eulenart. »In den vergangenen zwei, drei Jahren wurden in Bad Nauheim immer wieder Rufe von Uhus wahrgenommen. 2019 gab es vermehrt Beobachtungen, zwei balzende Exemplare wurden am Fuß des Johannisbergs gesichtet«, berichtet Rudi Nein, ehrenamtlicher Umweltschutzbeauftragter der Stadt.

In der Bahnhofsallee hat in diesem Jahr offenbar ein Uhu-Paar auf einem Dach gebrütet. Ein Jungvogel, der noch nicht flugfähig war, landete auf der Straße, wurde gerettet und befindet sich inzwischen in der Obhut der Wildtierauffangstation des Kreistierheims in Rödgen. Laut Nein wurden Uhus zudem in der Luisenstraße und Ernst-Moritz-Arndt-Straße beobachtet. Er geht von zwei Brutpaaren im Stadtgebiet aus, genaue Informationen gibt es allerdings nicht.

Gutes Nahrungsangebot

»Das Uhu-Phänomen ist ein richtiges Erfolgserlebnis«, sagt Nein. In Bad Nauheim fänden diese Greifvögel gute Lebensbedingungen vor. In den Parks gebe es genügend Mäuse, eine der Leibspeisen dieser Eulenart. »Sie fangen allerdings auch größere Tiere. Ein Dackel, der unangeleint herumläuft, passt auch in ihr Beuteschema.«

Neben Uhus lassen sich in der Stadt andere Greifvögel nieder, etwa Schleiereulen oder Turmfalken. Diese Arten nutzen oft Angebote, die von Rudi Nein und anderen Naturschützern gemacht werden. Nistkästen gibt es etwa in Kirchtürmen in der Kernstadt und in Stadtteilen sowie im Goldsteinturm und in Scheunen. In Schwalheim kooperiert der Umweltschutzbeauftragte mit Hans-Otto Burkhardt und Dieter Heier vom Kirchenvorstand. Im Kirchturm brüten zurzeit Falken fünf Junge aus, dieselbe Zahl von Jungtieren ist auch im Nest eines Schleiereulen-Paars zu beobachten.

In manchen Wintern sind in Bad Nauheim größere Gruppen von Waldohreulen präsent. Nein zufolge handelt es sich um Wintergemeinschaften, die aufgrund der höheren Temperaturen in die Stadt wechseln. Sie haben sich in der Vergangenheit im Höhenweg oder der Mondorfstraße immergrüne Bäume als Quartier ausgesucht. Im Frühjahr suchen diese Greifvögel wieder den Wald auf.

Betreuung im Tierheim

»Weitere Beispiele für Kulturfolger unter den Vögeln sind Elstern und Krähen. Elstern galten früher als sehr scheu, heute sind sie immer öfter in menschlichen Ansiedlungen zu sehen«, erklärt Nein. Krähen wurden in der Luisenstraße bereits beim gescheiterten Versuch beobachtet, einen Uhu aus ihrem Revier zu verscheuchen.

Junge Greifvögel, die von Menschen gesichtet werden, machen oft einen hilflosen oder verletzten Eindruck. Viele Tiere werden zum Kreistierheim in Rödgen gebracht. »Wir haben 2019 bislang etwa hundert Vögel betreut, ein gutes Viertel davon sind Greifvögel, meist Falken«, sagt Tierheim-Mitarbeiter Reinhard Schulmeier. Oft seien die Vögel geschwächt, viele überlebten nicht. Zu den Gästen in der Wildtierauffangstation gehören aktuell neben der Jung-Eule aus der Bad Nauheimer Bahnhofsallee zwei Artgenossen, die in einer Halle in Butzbach gefunden wurden. »Sie werden mit lebenden Mäusen gefüttert. Wenn sie jagen können, werden die Tiere beringt und ausgewildert«, sagt Schulmeier.

Das Tierheim-Team lässt sich im Umgang mit den Greifvögeln vom Diplom-Biologen Gerd Bauschmann (Hessische Vogelschutzwarte) beraten. Die Uhus sollen in der Umgebung von Rödgen in die Freiheit entlassen werden. Möglicherweise suchen sie sich ein Quartier in Bad Nauheim oder im ehemaligen Kieswerk bei Steinfurth, das Ende 2017 als Naturschutzgebiet ausgewiesen wurde. Das Vorkommen von Uhus, war ein Grund, die stillgelegte Grube unter Schutz zu stellen. Steinbrüche sind bei dieser Vogelart als Nistplatz besonders gefragt.

Lebensraum Stadt

Weil sie durch die intensive Nutzung der Landschaft verdrängt werden, zieht es immer mehr Wildtierarten in die Städte. In menschlichen Ansiedlungen finden Wildschweine, Waschbären, Biber, Marder, Füchse, Greifvögel & Co nach Angaben der Abteilung für Wildtierökologie und Wildtiermanagement der Uni Freiburg alles, was sie brauchen: Nahrung, Nistmöglichkeiten und Artgenossen. Zudem ist es in Städten bis zu 10 Grad wärmer als in der freien Landschaft, im Winter ein großer Vorteil. Hier gibt es weniger Fressfeinde, Jäger dürfen in Wohngebieten nicht schießen.

Wie die Experten der Uni Freiburg erklären, lägen keine Zahlen über Wildtiere in Kommunen vor. Ob deren Vorkommen steigt, kann deshalb nicht belegt werden. Es wird allerdings davon ausgegangen, dass sich immer mehr Arten in Städten niederlassen und sich schnell den Bedingungen anpassen. Wer einen jungen Greifvogel findet, der nicht flüchtet, sollte ihn in Ruhe lassen, weil das Tier in der Regel nicht hilfsbedürftig ist. »Sie tun ihm keinen Gefallen, wenn sie ihn von seiner Familie entfernen«, sagen die Wissenschaftler. Sieht der Vogel krank oder verletzt aus, sollte ein Fachmann kontaktiert werden. Nähere Infos gibt es auch auf der Homepage des Tierheims Wetterau: www.tierheim-wetterau-ev.de.

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