05. Juli 2019, 11:00 Uhr

Streuobstwiesen in Gefahr

Um unsere Streuobstwiesen steht es schlecht: Jürgen Hutfiels vom BUND Rockenberg kennt die Gründe

Streuobstwiesen bieten wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen und tragen so zur Artenvielfalt bei. Bald könnten sie jedoch ein bitteres Ende finden.
05. Juli 2019, 11:00 Uhr
Auf der Streuobstwiese von Jürgen Hutfiels wachsen vor allem alte Sorten. Die Früchte der Großen Schwarzen Knorpelkirsche sind reif zum Ernten. (Foto: kge)

Über Rockenberg hängt ein grauer Schleier. Regen prasselt sanft auf das kniehohe Gras, durch das sich Jürgen Hutfiels seinen Weg bahnt. »Hier kann man sehen, was man nicht sieht«, sagt der erste Vorsitzende des BUND Rockenberg und deutet in die Ferne. Wo vor vielen Jahren noch ein Streuobstwiesen-Gürtel um die Gemeinde gelegen hätte, stehen heute nur noch vereinzelt Bäume. »Die Ortschaften dehnen sich aus, und die Natur fällt dem zum Opfer. Die Bäume werden einfach umgehackt.«

Bis zu 5000 Tierarten können in Streuobstwiesen leben. Hauptsächlich Insekten tummeln sich dort. Vögel finden vor allem in alten Beständen idealen Lebensraum, denn Baumhöhlen und Totholz eignen sich hervorragend zum Nisten. Auch dem Menschen nutzen Streuobstwiesen auf vielfältige Weise. Die Bewirtschaftung ohne synthetisch Stoffe trägt zur gesunden Ernährung bei, und die Vermarktung vor Ort stärkt die regionale Wirtschaft. Trotz all der Vorteile für Mensch und Natur steht es um die Streuobstwiesen nicht gut. Auf der Roten Liste der gefährdeten Biotoptypen Deutschlands sind die Hessischen Streuobstwiesen als »stark gefährdet« eingestuft. Schätzungen zur Baumanzahl schwanken zwischen 500 000 und einer Million, das entspricht einem Bestandsrückgang im 20. Jahrhundert um bis zu 95 Prozent. Eine Kartierung des BUND aus den Jahren 2008 und 2009 zeigt außerdem, dass der Bestand seitdem stark veraltet ist und schwere Pflegemängel aufweist.

60 verschiedene Sorten

Hutfiels’ kleines Stück Land über Rockenberg blüht bunt - liebevoll nennt er es »kleines Fantasialand«. Spitzwegerich, Klee, Schafgarbe, Sauerampfer - er kann sie alle benennen. Dazwischen, charakteristisch für Streuobstwiesen, alte knorrige Bäume. Äpfel, Kirschen, Birnen, Pflaumen, Renekloden und Walnüsse wachsen auf seinen Stücken. Auf insgesamt vier Hektar seien es gut 60 verschiedene Sorten. »Die Kräuter hier kommen auch dem Vieh zugute«, erzählt er. Regelmäßig lässt er seine Schafe hier weiden. Auch diese Mehrfachnutzung ist gängig bei Streuobstbauern. Wenn Hutfiels mit seinem Hund durch die Wiesen über Rockenberg stapft, hat er immer eine kleine Gartenschere dabei. »Die Pflege mache ich so nebenbei«, erzählt er. Man müsse immer dranbleiben, sonst würden die Bäume mit der Zeit brüchig werden. Was er auf keinen Fall riskieren wolle, sei in der Wetterau ein gängiges Bild. »Die Bäume vergammeln im wahrsten Sinne des Wortes«, sagt er. Es schmerzt ihn im gleichen Maße, wie es ihn verärgert. »Kein Schwein interessiert sich für alte Obstbäume. Niemand will sich kümmern.«

Der Gesellschaft fehlt das Bewusstsein um den Wert der Streuobstbestände - davon ist Hutfiels überzeugt. »Wir müssen bauen, bauen, bauen«, zitiert er die Antwort des CSU Politikers Hans Reichhart auf die große Wohnraum-Frage. »Diesem Spruch fällt alles zum Opfer, was man der Natur noch geben könnte. Aber da geht das wirtschaftliche einfach vor.« Stehen alte Bestände auf potenziellem Baugebiet, würden sie plattgemacht und im besten Fall durch neue ein paar Meter weiter ersetzt. Das gleiche Spiel mit alten Obstbäumen im Garten. Ein Tausch mit Folgen: »Bis die Bäume an die alten herankommen, müssen Jahrzehnte vergehen«, sagt er - sollten sie es solange schaffen.

Geht es so weiter wie bisher, hat der Umweltschützer nicht viel Hoffnung für die Zukunft. »Ich denke, es wird eher schlimmer als besser«, sagt er nachdenklich. Um dies abzuwenden, wurde Anfang des Jahres vom »Regionalverband FrankfurtRheinMain« der erste regionale Streuobstbeauftragte ernannt. Er agiert als Ansprechpartner der Kommunen in Fragen rund um den Erhalt der Streuobstwiesen. Ob das den Wandel stoppen kann? »Das ist eine nette Geste, aber wird den Rückgang an alten Beständen nicht stoppen können.«

Hutfiels greift in das gewaltige Geäst einer Großen Schwarzen Knorpelkirsche. »Das hier ist eine alte Sorte«, erklärt er und beißt in das süße Fleisch. Wie es scheint, hängt die Zukunft des Streuobsts eng mit dem Handeln der Gesellschaft zusammen. »Soll was passieren, müssen die Leute endlich wieder anfangen, sich dafür zu interessieren.«

Der Streuobstbeauftragte

Bastian Sauer ist der erste Streuobstbeauftragte der Region. Der 38-Jährige ist ausgebildeter Gärtner und studierter Biologe. Als Bewirtschafter eigener Streuobstwiesen und Inhaber von Jagd-, Falkner- und Angelschein zeigt der Großkotzenburger zudem Naturverbundenheit und bringt die nötige praktische Erfahrung mit. »Diese spannende und interessante Aufgabe gibt mir die Möglichkeit, in der Heimat, vor der eigenen Haustür etwas zum Erhalt de Streuobstwiesen beizutragen. Darauf freue ich mich sehr«, sagt Sauer. (kge)

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