15. März 2019, 18:51 Uhr

Ursprünge der Tragödie

15. März 2019, 18:51 Uhr
Prof. Manfred Clauss

Über die Ursprünge der antiken griechischen Tragödie haben Generationen von Altphilologen und -historikern gelehrte Abhandlungen geschrieben. So auch Prof. em. Manfred Clauss, der das Friedberger Publikum im Bibliothekszentrum Klosterbau mit einem spannenden Vortrag beehrte.

Obwohl noch längst nicht alle weißen Flecken gelöscht sind, steht zweifelsfrei fest, dass die griechische Tragödie ihre Ursprünge im archaischen Dionysoskult hat. Ein Element des ekstatisch-orgiastischen Fruchtbarkeitskults ist der »tragicos choros« – der Gesang von Chören, deren Mitglieder als maskierte dämonische Bocksgestalten (von »tragos« = Bock) auftreten. Im Laufe von mehreren Generationen wird der Chorgesang zum eigenständigen Element. Dies, so Prof. Clauss, ist die Geburtsstunde der griechischen Tragödie. Die jährlich in Athen und vielen anderen griechischen Stadtstaaten gefeierten »Dionysia« zu Ehren des Gottes waren etwas völlig anderes als moderne Musik- bzw. Theaterfestspiele. Am Beispiel Athens schilderte Clauss Ablauf und Rahmen der im 17 000 Zuschauer fassenden Dionysostheater stattfindenden Veranstaltungen, die von Politikern und hohen Militärs (»Strategen«) vorbereitet und geleitet wurden. Sie waren nicht zuletzt Demonstrationen der kulturellen Bedeutung Athens.

Action gibt es nicht

Thespis, der legendäre erste Tragiker soll es gewesen sein, der den ersten Schauspieler »erfand«. Dieser sprach den Prolog zu einer Aufführung, berichtete von einem Geschehen, das auf der Bühne nicht dargestellt wurde und führte Zwiesprache mit dem Chor. Der um 525 v. Chr. geborene Tragiker Aischylos führte den zweiten Schauspieler ein. Von nun an waren Dialoge zwischen den – mehrere Rollen spielenden – Akteuren möglich. Der Chor rückte allmählich in den Hintergrund. Seinen Gipfelpunkt erklomm das griechische Theater mit den berühmtgewordenen, auch nach über 2 400 Jahren noch aufgeführten Tragödien des um 495 v. Chr. geborenen Sophokles. Von 123 haben ganze sieben die Jahrhunderte überdauert. Sophokles ist es auch, der den dritten Schauspieler einführt – wobei es bleiben wird.- Eine der bedeutendsten Tragödien aus der Feder Sophokles‹ ist »König Ödipus«. Die drei Schauspieler übernehmen hier acht Rollen (einschl. Nebenfiguren wie Diener, Boten, etc.).

Prof. Clauss stellte die Analyse dieses Meisterwerks in den Mittelpunkt seines Referats. Im Unterschied zum modernen Drama, wie es sich seit der frühen Neuzeit herausgebildet hat, spielt sich in der griechischen Tragödie das Geschehen hinter der Bühne ab und wird lediglich berichtet, besprochen, kommentiert. Spannung, Action im modernen Sinn gibt es nicht.

Furcht und Mitleid

Ödipus erschlägt in einem Wutanfall unwissentlich seinen Vater, schläft ebenso unwissentlich mit der Mutter: Wir sehen nichts davon, müssen die eigene Fantasie zu Hilfe nehmen. Die »Dionysia« waren Dichterwettstreit: Mit einer Tetralogie aus drei Tragödien und einem »Satyrspiel« traten zwei Dichter gegeneinander an – wie z. B. Aischylos gegen den jungen Sophokles im Jahr 468. Letzterer obsiegte. Das »Satyrspiel« war grotesk-komischer Abgesang nach den Tragödien, die laut der »Poetik« des Aristoteles durch Furcht und Mitleid eine »Katharsis« beim Zuschauer bewirken sollten. Nach dem Ende des mit viel Applaus bedachten Vortrags von Prof. Clauss entspann sich ein Gespräch über das Weltbild dieser literarischen Gattung, die die europäische Literatur entscheidend geprägt hat. (Foto: gk)

Schlagworte in diesem Artikel

  • Abhandlungen
  • Aischylos
  • Altphilologen
  • Aristoteles
  • Frühe Neuzeit (1517 - 1899)
  • Manfred Clauss
  • Mitleid
  • Poetik
  • Publikum
  • Rollen
  • Schauspieler
  • Sophokles
  • Tragödien
  • Vorträge
  • Friedberg
  • Gerhard Kollmer
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen