28. Juli 2019, 18:11 Uhr

Abriss untersagt

Villa Hügelstraße 5: Streit um Baudenkmal in Bad Nauheim

Der Abriss eines Baudenkmals ist ein No-Go. Um das vom Architekten Hölzinger entworfene Haus Hügelstraße 5 in Bad Nauheim ist aber ein Streit zwischen Eigentümer und Behörden entbrannt.
28. Juli 2019, 18:11 Uhr
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Von Bernd Klühs
Die Villa in der Hügelstraße 5 ist ein architektonisches Schmuckstück, aber völlig herunterkommen. (Foto: Nici Merz)

Im Herbst 2018 hatte Rafael Jantos das Kulturdenkmal Hügelstraße 5 in Bad Nauheim erworben. »Das Haus war zwar in sehr schlechtem Zustand, trotzdem hielt ich eine Sanierung für möglich«, sagt der Chef einer Makler- und Bauträgerfirma. In den Monaten danach hätten drei Fachleute mit unterschiedlichen Spezialgebieten das 1960 vom Kurstadt-Architekten Prof. Johannes P. Hölzinger entworfene Wohnhaus untersucht. »Ihr Urteil ist eindeutig: Unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine Instandsetzung nicht machbar«, betont Jantos, der dort in einen Neubau einziehen möchte.

Ein Gutachter, den der Eigentümer beauftragt hat, lässt kein gutes Haar am Zustand des Denkmals. Drei zentrale Sätze aus seiner Expertise machen das deutlich: »Derzeit ist die Standsicherheit des Gebäudes mehr als bedenklich, wenn nicht sogar als einsturzgefährdet einzustufen. Bei dem Gebäude wurden sowohl schwere planerische als auch schwere Ausführungsfehler gemacht. Aus Erkenntnis der vielen schwerwiegenden Strukturschäden und aus wirtschaftlichen Gründen ist eine Sanierung nicht ratsam.«

Völlig heruntergekommen

Beim Rundgang macht das Haus einen heruntergekommenen Eindruck, obwohl es erst seit zwei Jahren leer steht. Der Vorbesitzer hat offenbar über Jahrzehnte nichts in die Bausubstanz investiert. Überall sind lange Setzrisse zu sehen, Jantos weist auf Schimmel hin. Unter der zu dünnen, teils abgeblätterten Betonschicht der Wände tritt verrosteter Baustahl hervor. Besonders übel sieht die Dachterrasse des Sieben-Zimmer-Hauses aus. »Obergeschoss und Dachterrasse müssten neu aufgebaut werden. Eine Dämmung ist unmöglich, ohne die Gebäudestruktur völlig zu verändern«, erläutert Jantos.

Das Hauptproblem, das der Gutachter entdeckt hat, fällt dem Laien nicht auf. Unter einem Teil des Grundstücks existierte vor etlichen Jahrzehnten eine später mit Müll verfüllte Kiesgrube. Davon betroffen ist auch das benachbarte Sichler-Neubaugebiet. Eine Stahlbetonstütze des Hauses habe sich um 13 Zentimeter gesetzt. Allein die Betonsanierung des Kulturdenkmals würde laut Gutachter rund 600 000 Euro verschlingen. Eigentümer Jantos rechnet mit Gesamtinstandsetzungs- und Renovierungskosten von 1,5 Millionen Euro. »Für einen Neubau würde ich die Hälfte zahlen. Das ist wohl kaum zumutbar.«

Behörden lehnen Abriss ab

Die zuständigen Behörden kommen zu einem anderen Urteil. Wie Kreispressesprecher Michael Elsaß bestätigt, wurde kürzlich der Abrissantrag abgelehnt. Auf die Gründe will er nicht eingehen. Die WZ kennt allerdings das Schreiben des Kreisbauamts an Jantos. »Die der Unteren Denkmalschutzbehörde vorliegenden Unterlagen lassen nicht erkennen, dass das Objekt irreparable Schäden aufweist«, heißt es in dem Bescheid. Der von Jantos beauftragte Experte spreche zwar von sehr großem Sanierungsbedarf und Einsturzgefahr, Belege liefere er aber nicht.

Eine vom Landesamt für Denkmalpflege angeforderte Expertise gehe ebenfalls auf die Standsicherheit ein. Fazit: »Eine Einsturzgefahr konnte nicht festgestellt werden.« Der jetzige Eigentümer zeige keine Bereitschaft, das Bauwerk zu erhalten. Gespräche mit den Behörden über eine Sanierung, die mit zumutbarem Aufwand möglich sei, habe Jantos nie führen wollen.

Eigentümer zum Erhalt verpflichtet

Der Hauskäufer ist erbost darüber, dass ihm das neue Gutachten des Landesamtes trotz mehrfacher Anfrage noch nicht ausgehändigt wurde. Wie die Sprecherin der Behörde, Dr. Katrin Bek, sagt, existiere bislang nur ein Entwurf, der nicht rausgegeben werde.

Bek führt das hessische Denkmalschutzgesetz an, wonach der Eigentümer grundsätzlich verpflichtet sei, ein Kulturdenkmal zu erhalten. Diese Pflicht gerate an Grenzen, wenn das Gebäude aus statischen oder Gründen der unwiderruflich verlorenen historischen Bausubstanz nicht oder nur mit unzumutbarem Aufwand erhalten werden könne. »Der Vergleich zu den Kosten, die für einen Neubau aufgebracht werden müssten, spielt dabei keine Rolle, zumal der Erwerb der Liegenschaft im Fall der Hügelstraße 5 in Kenntnis der Denkmaleigenschaft erfolgte. Ein Abriss ist für die Denkmalbehörden nur die allerletzte Option«, betont die Pressesprecherin.

Entscheidung vor Gericht?

Die Auseinandersetzung zwischen dem Eigentümer des Hauses Hügelstraße 5 und den Denkmalschutzbehörden dürfte letztlich vom Verwaltungsgericht entschieden werden. Gegen den Bescheid des Kreisbauamts, das einen Abriss des Kulturdenkmals untersagt, hat der Anwalt von Rafael Jantos Widerspruch eingelegt. Die sogenannte Kampmann-Villa wurde Ende der 50er Jahre vom Architekten Prof. Johannes P. Hölzinger geplant und 1960 errichtet. Damals war es das einzige Haus in dieser Gegend Bad Nauheims. Wie es in der Denkmaltopografie des Wetteraukreises heißt, habe Hölzinger, der zu dem Streit um das Haus gegenüber der WZ keine Stellung nehmen wollte, in seinem Entwurf unterschiedliche Aspekte aus dem Werk des berühmten Architekten und Stadtplaners Le Corbusier vereint. In Bad Nauheim stehen sechs von Hölzinger entworfene Gebäude unter Denkmalschutz. Ebenfalls geschützt ist das evangelische Gemeindezentrum in der Friedberger Wintersteinstraße. Auch dieses »Wellenhaus« weist schwere Schäden auf. Ob es saniert und erhalten werden kann, ist unklar.



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