15. September 2019, 20:47 Uhr

Vom Leugnen der Endlichkeit

15. September 2019, 20:47 Uhr

. Dass das Altern nicht nur als Belastung, sondern auch als Chance empfunden werden kann, war die Botschaft von Prof. Cornelia Behnke von der Katholischen Stiftungshochschule in München, die im Rahmen der Bad Nauheimer Geschichtsreihe über Rechte und Würde des Alterns sprach. Sie selbst, noch sehr aktiv als Fachfrau für Arbeits- und Altersforschung, trug ihre angegrauten Haare mit Stolz und einem sympathischen Lächeln auf den Lippen.

Behnke begann ihren lebendigen Vortrag mit der Unterscheidung vom Altern als Prozess und dem Alter als Lebensphase. Wir altern seit unserer Geburt und sind einem stetigen Wandel unterworfen. Aber der eigentliche »Alterungsprozess bedeutet eine Verletzlichkeit des ganzen Organismus, des Herz-Kreislauf-Systems, der Muskelmasse, des Bewegungsapparates, der Haut«. Hinzu komme, dass die Begrenztheit des Lebens im Alter kaum noch verdrängt werden könne. »Das Leugnen unserer Endlichkeit stößt an seine Grenzen.«

Wie man Alter definiert, ist oft willkürlich. Das Renteneintrittsalter scheint eine plausible Altersgrenze zu sein. Man könnte auch den Zeitpunkt wählen, an dem die Kinder aus dem Haus ausgezogen sind (»Empty-Nest-Syndrom«). Wie und ab wann man das Alter auch definiert, es wird oft mit dem Gefühl des Verlustes verbunden, weshalb es in Mode gekommen ist, das Alter möglichst weit hinauszuschieben - auch sprachlich: Von »Best Agern« und »Silver Surfern« ist da die Rede. Und nicht nur Werbebranche und Fitness-Center suggerieren älter werdenden Menschen, dass sie möglichst lange fit bleiben sollen. Das Altern muss kaschiert werden (»Anti-Aging«). »Wer schon alt ist, möge bitte nicht noch alt wirken.« Doch lasse sich das Altern letztlich nicht aufhalten. Wer das Privileg hat, alt zu werden, muss sich dem Alterungsprozess stellen.

»Was kann unsere schnelllebige und ruhelose Zeit von den Alten lernen?«, fragte Prof. Behnke. Vielleicht das Wagnis des Loslassens, der Gelassenheit, der Zurücknahme, das Gespür der Langsamkeit. Es sei gut, von einer »Vita activa« zu einer »Vita contemplativa« zu wechseln, bei der es nicht mehr ums »Machen« gehe, sondern ums Betrachten, ums Gewahrwerden, um Achtsamkeit. Es gehe auch darum, »die Botschaften des Körpers ernst zu nehmen«. Insofern hat, nach Behnke, das Alter seinen ganz eigenen Sinn, seine spezifische Bedeutung. »Der alte Mensch scheint zurück zum Ursprung des Menschseins zu kehren.«

Sich trauen, alt zu sein

Der alte Mensch ist ein »Wanderer zwischen den Welten«, zitierte Behnke einen älteren Pater. Der alte Mensch sei nicht mehr ganz auf dieser Welt und noch nicht ganz in der anderen. Dazu zitierte Behnke Joseph von Eichendorff: »Es war, als hätt der Himmel die Erde still geküsst, dass sie im Blütenschimmer von ihm nun träumen müsst. … Und meine Seele spannte weit ihre Flügel aus, flog durch die stillen Lande, als flöge sie nach Haus.« Behnke ermunterte dazu, die Freiheit und die Ruhe des Alterns zu genießen (»In der Ruhe liegt die Kraft«). Die Freiheit etwa, ungeschminkt seine Meinung zu sagen. »Überhaupt sollten wir aufhören, uns jung zu schminken.« Wir sollten weniger die Verluste des Alterns beklagen und vielmehr seine Chancen und guten Seiten würdigen. »Die Alten sollten sich trauen, alt zu sein.«

Prof. Behnkes anregender Vortrag wurde mit großem Beifall bedacht, dem sich eine angeregte Diskussion anschloss. Nicht nur die Alten unter den Besuchern, sondern auch jüngere Zuhörer fanden den Abend lohnens- und nachdenkenswert. Kurt Bangert

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