28. Mai 2019, 18:33 Uhr

Vom Übel der Zivilisation

28. Mai 2019, 18:33 Uhr
Mathias Vollet erläutert die Grundzüge der Grundschriften Rousseaus. (Foto: gk)

Er war engagierter Teilnehmer am aufklärerischen Diskurs im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Gleichzeitig wurde er mit seinen dezidiert antiaufklärerischen Thesen zur intellektuellen Leitfigur des »Sturm und Drang« sowie der Romantik. Die Rede ist vom 1712 in der damaligen calvinistischen Stadtrepublik Genf geborenen und in Ermenonville 1778 gestorbenen Philosophen und Sozialtheoretiker Jean-Jacques Rousseau - elf Jahre vor Beginn der Französischen Revolution, deren radikale Vertreter sich auf seine zivilisationskritischen Thesen beriefen.

Dr. Mathias Vollet, Dozent an der Bernkastel-Kueser Hochschule für Geisteswissenschaften und in Bad Nauheim wohlbekannt, unternahm im Badehaus 2 den erfolgreichen Versuch, einen Weg durch den geistigen Kosmos dieser faszinierenden Gestalt zu bahnen. Dies war aus Zeitgründen nur durch Beschränkung auf die Grundschriften Rousseaus - wie seinen »Gesellschaftsvertrag« und die »Abhandlung über die Ursachen der Ungleichheit unter den Menschen« möglich.

Urvater der Kulturkritik

Rousseaus Denken geht von »idealtypischen« Setzungen aus. Zum einen postuliert er einen naturnahen, glücklichen Urzustand, in dem die Menschen noch frei und tugendhaft gelebt haben sollen. Mit dem Aufkommen des Privateigentums beginne, so Rousseau, der Prozess der Zivilisation. Nur bedeute »Zivilisierung« nicht die allmähliche »Vermenschlichung des Menschen«. Nein, das Gegenteil sei der Fall. Der »von Natur aus« gute Mensch werde verdorben durch wachsende soziale Ungleichheit, Herausbildung ausbeuterischer Eliten, deren absoluten Verfallszustand er - nicht nur - im spätfeudalen Frankreich erreicht sah.

Obwohl zeitweilig Mitarbeiter am aufklärerischen lexikalischen Großprojekt der »Encyclopédie« unter Federführung Denis Diderots, gab Rousseau - so der Referent - auch dem Fortschritt der Wissenschaften Mitschuld am zivilisatorischen Verfallsprozess. Mit diesen Thesen wird er zum Urvater moderner Kulturkritik. Haben all diese bewusst idealtypischen Setzungen heuristischen Wert? Sind sie - im Unterschied zum fortschrittsgläubigen »Mainstream« der Aufklärungsphilosophie - notwendige Vorbedingungen für ein wirkliches Verstehen dessen, was ist? Dr. Vollet ließ die schwer beantwortbare Frage offen. Er wies jedoch darauf hin, dass Rousseau trotz allem nicht zum reinen Gegenaufklärer abgestempelt werden dürfe.

Eine schwere Frage

Dies sei am besten an seinem epochemachenden Werk vom »Gesellschaftsvertrag« aus dem Jahr 1762 ablesbar. Kurz nach Erscheinen brannten Exemplare dieser epochalen Abhandlung auf Scheiterhaufen im katholischen Paris und reformierten Genf. Rousseaus politische und klerikale Gegner hatten schnell begriffen: Mit seinen Thesen von der »volonté de tous« (dem Willen jedes Einzelnen), aus der durch allgemeine freie Wahlen die »volonté générale« (der allgemeine Wille) hervorgeht, sprach der »citoyen de Genève« jedem nicht auf parlamentarischer Repräsentanz der freien und gleichen Staatsbürger beruhenden politischen System die Legitimität ab. Ob das Konstrukt des »Allgemeinwillens« als politischer »Überbau« jedoch einer in diverse Interessengruppen und soziale Schichten zersplitterten Gesellschaft gerecht wird, steht dahin.

An den mit verdientem Applaus bedachten Vortrag Dr. Vollets schloß sich eine kurze Fragerunde an.

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