20. September 2019, 20:23 Uhr

Wahnwitzige Reise zum Matterhorn

20. September 2019, 20:23 Uhr
Es ist sehr speziell, was Bea von Malchus sich in ihrem Programm »Yankee Jodel« ausgedacht hat. Mit der Reise-Erzählung »Bummel durch Europa« wollte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain einen Bestseller schreiben. Dazu ist er 1878 durch die Schweiz gereist. (Foto: hkr)

Es ist keine Reise aus Verzweiflung, als Mark Twain 1878 zu seiner zweiten Europareise aufbricht und in der Schweiz die Städte Luzern, Interlaken und Zermatt besucht. Die Reise-Erzählung »Bummel durch Europa« (»A Tramp Abroad«, 1880) ist der Auftrag, »einen Bestseller raushauen« zu müssen. Es gibt finanzielle Engpässe. Reisen war für Twain immer Gelegenheit, humoristisch und versehen mit viel Lokalkolorit das soziale Verhalten von Menschen aus anderen Kulturkreisen zu beobachten, um auch dem amerikanischem Publikum Europa nahe zu bringen.

Das Bühnenprogramm »Yankee Jodel« der Freiburgerin Bea von Malchus, dramaturgisch konzipiert und von ihr selbst gespielt, zeigt Ausschnitte dieser Reise in die Alpen, ein Kulturtrip mit dem »Alpenstecken-Stock« und auch eine Bildungsreise zum Bergvolk. Malchus schlüpft dabei in die Rolle des rauchenden, in sich ruhenden Twain und seines Reisebegleiters Reverend Harris, der seinem langjährigen Freund Joseph Twichell nachempfunden ist. Es ist weniger Zivilisationsflucht, die die beiden Amerikaner antreibt, aber die ungleichen Partner suchen »Alpenpower«.

Seilschaft ist ein Chaosklub

Die Alpen sind noch das Refugium der Ursprünglichkeit, das nüchtern-lässig, aber genau beobachtet sein will, eben große Empathie und Begeisterung auslöst. Luzern, Vierwaldstätter See und der Rigi als Ziel der ersten Bergwanderung sind eine sentimentaler Erfahrung, und Malchus lebt die beiden Charaktere in einer Mischung aus Deutsch und Amerikanisch, mal singend, mal naturverliebt den Alpenkosmos beschreibend. »Unerträglich schön« sind die Alpen und auch Twains Muse. Mit vielen kleinen Randbemerkungen zum Kultur-Clash wartet Malchus Stück hier auf, das sich manchmal schwer zugänglich gibt, aber als Idee funktioniert.

Die Devise gegen die Schreibblockade lautet »Kopf hoch im Ozean der Traurigkeit«, und Malchus gibt den Twain, der sich gegen die Alpen-Originale Beat, Reto und Urs durchsetzt und genauso gegen den »Baedecker« (in der Zeit der Reiseführer) anschreibt. Twain und sein Sparringspartner erleben in Malchus’ Spiel Kurioses und Erstaunliches, setzen sich gegen die britische Invasion der Alpen zu Wehr und betreiben munter soziale Vor-Ort-Studien von der Lederhose über das Dirndl bis zum Jodeln. Mit unbändigem Willen und viel Leidenschaft gestaltet Malchus alle Figuren gleichzeitig und nebeneinander, oft bissig und skurril und auch mal schrill.

Es geht darum, den »unbesiegbaren Gipfel« zu besiegen. Das Matterhorn als Sehnsuchtsort ist die »existentialistische Erfahrung«, auch wenn die Seilschaft ein Chaosklub ist, und der Aufstieg nur auf dem Papier erfolgt. Das »prachtvolle Schauspiel« aus Bergen und Klettern ist ein »Road Movie ohne Road«, hier dienen noch »Hühneraugen der Wettervorhersage« und das Schweizerdeutsch ist erhaben und beschaulich.

Malchus verlangt von sich und dem Publikum in Badehaus 2 viel, und nicht jeden Gast begeisterte das »Alpenteuer« aus wahnwitziger Feldforschung und entlarvendem Humor.

Kabarettist Django Asül wird sein neues Programm als Vorpremiere bei der nächsten Veranstaltung der Kleinkunstreihe präsentieren. Und zwar am Mittwoch, 23., und Donnerstag, 24. Oktober, jeweils ab 20.30 Uhr im Badehaus 2.

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