13. März 2019, 19:21 Uhr

Wenn Musik zur Gefahr wird

13. März 2019, 19:21 Uhr
Wolfram Knauer

Auf der Leinwand sehen wir den Schauspieler Walter Giller als leidenschaftlichen Jazzer am Saxofon. Die Mitglieder seiner Band stehen ihm nicht nach. Wir befinden uns in dem deutschen Spielfilm »Die große Chance« aus dem Jahr 1957. Ein kleiner Junge, der sich – fasziniert von der neuen Musik – in den Jazzkeller geschlichen hat, erhält bei seiner Rückkehr vom Vater eine saftige Ohrfeige mit dem Kommentar: »Diese Musik ist eine Gefahr!«

Es waren nicht zuletzt die zahlreichen Filmbeispiele, die den Vortrag Wolfram Knauers im Theater Altes Hallenbad so anschaulich werden ließen. Der trotz orkanartiger Stürme nach Friedberg geeilte Leiter des Jazzinstituts Darmstadt beschenkte das Auditorium im ehemaligen Kesselhaus mit einem hoch informativen, knapp einstündigen Referat zum Thema »Fritz Usinger und der Jazz der Nachkriegsjahre«.

Scharfsinnige Essays

Der Friedberger Autor veröffentlichte im Jahr 1953 einen Essay mit dem bezeichnenden Titel »Kleine Biographie des Jazz«. »Biographie«, nicht »Geschichte«: Der 55-Jährige, durch formvollendete, an klassischen Vorbildern ausgerichtete Lyrik und scharfsinnige Essays unter anderem zur modernen Kunst und Architektur bekannt gewordene legt einen, wenn auch durch etliche sachliche Fehler beeinträchtigten, Hymnus auf den Jazz vor, den in dieser Form wohl nur wenige von ihm erwartet hatten.

Ein kurzes Zitat mag dies belegen: »Was den Jazz zu der rhythmisch packendsten Musik der Gegenwart macht, ist die nicht anders als genial zu nennende künstlerische Verbindung von Zwang und Freiheit.« Anders als für seinen fünf Jahre jüngeren Zeitgenossen Theodor W. Adorno steht der Jazz für Usinger gleichberechtigt neben der Musik der klassischen Moderne. Dagegen lesen wir bei Adorno: »Jazz hat nichts mit Kunst zu tun.« Ihm gilt diese Musik als Teil der »Kulturindustrie«, deren Funktion in nichts anderem als der Verdummung beziehungsweise Verblendung breiter Bevölkerungsschichten besteht. Wie weit diese Ablehnung auf Unkenntnis beruht, steht dahin.

Wolfram Knauer lenkte das Augenmerk der Hörer in erster Linie auf die Entstehung des deutschen Jazz – vor allem im amerikanischen Sektor vom Kriegsende an bis in die späten 50er Jahre. Usinger dagegen hatte in seinem enthusiastischen Essay diese revolutionäre, mit nichts Vorherigem vergleichbare Musik noch als rein amerikanisches Phänomen betrachtet. Ähnlich wie Elvis Presley und dem Rock’n Roll schlug dem aus den USA »importieren« Jazz zunächst heftige Ablehnung entgegen. Dies demonstrierte Knauer mit etlichen Ausschnitten aus zeitgenössischen Wochenschauen, in denen leidenschaftliche Jazzer eher wilden Tieren als begnadeten Künstlern gleichen. Hier überlebten Herabsetzungen des Jazz als primitiver »Niggermusik« seit Ende der 20er Jahre und vor allem im Nationalsozialismus.

Dass ausgerechnet der »Klassizist« Usinger, dem geschlossene Form über alles ging, die durch Improvisation und Offenheit geprägte Jazzmusik den Kompositionen eines Strawinsky, Schönberg und anderer für ebenbürtig hält, bleibt trotz aller Erklärungsversuche ein Phänomen.

Wolfram Knauer zählt zu den Referenten, denen man stundenlang zuhören möchte – beeindruckt von der Fülle des vermittelten Wissens wie auch dem »leichtfüßigen« Parlando, in dem dies geschieht. Herzlicher Applaus dankt es ihm. (Fotos: gk/Archiv)

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