09. August 2019, 17:00 Uhr

Zahl der Wildunfälle in der Wetterau steigt

Mitte Juli bis Mitte August stürmt das Rehwild liebestoll durch Wald, Wiesen - und auf Straßen. Das kann Autofahrer gefährden. Ein Wetterauer Jagdpächter über Schaden, Schonzeit und Abschuss.
09. August 2019, 17:00 Uhr

Vor wenigen Tagen kam es in der Nähe von Bruchköbel abends gegen 22.30 Uhr zu einem Wildunfall, als auf der Landstraße der Fahrerin eines Autos ein Rehbock direkt vor den Wagen sprang. Die Frau blieb unverletzt, doch an ihrem Fahrzeug entstand ein Schaden von rund 1000 Euro. Das Reh überlebte den Zusammenstoß nicht. Die Jäger kennen die Gefahr in dieser Jahreszeit und rufen mit der Polizei zu besonderer Vorsicht auf. Das gilt nicht nur für die Dämmerungsstunden morgens und abends - das Rehwild ist derzeit rund um die Uhr aktiv.

Diese Wochen sind auch besonderes für die Jäger, denn ihre Aufgabe ist es, den Wildbestand in ihrem Revier zu hegen und zu pflegen. Dazu gehört es auch, Tiere abzuschießen. »Wir bekommen von der Unteren Jagdbehörde alle drei Jahre einen Plan vorgelegt, der den Abschuss im Revier genau vorgibt«, berichtet Heinz Ross, Jagdpächter des Junkerwald-Reviers nahe Eichen. »Erfüllen wir diese Zahl nicht, dann müssen wir entweder mit einer Strafe rechnen oder die Behörde ordnet eine Ersatzmaßnahme an.«

Der Junkerwald gehört dem Land Hessen, und als Eigentümer des Waldes interessiert das Land vor allem der Erhalt des Waldes. »Weil Wild in größerer Anzahl dem Forst oftmals erheblichen Schaden zufügt, darüber hinaus die extreme Trockenheit dem Wald stark zusetzt, hat die Behörde erst kürzlich die Abschusszahlen den Erfordernissen angepasst«, sagt Ross. »An diese Vorgaben müssen wir uns halt halten.«

Tagelange Verfolgung

Weil das Rehwild während der Brunftzeit deutlich sorgloser mit seiner Deckung umgeht als zu normalen Zeiten, nutzen die Jäger die Situation, um den Abschussvorgaben näherzukommen. Ein starker, ausgewachsener Rehbock bekommt zur Brunftzeit in seinem Revier Besuch zur Paarung. Manchmal laufen die weiblichen Tiere dafür über eine Wegstrecke von zwei bis drei Kilometer. Jüngere, schwächere Böcke ohne Revier müssen auf andere Gelegenheit warten, um sich zu fortzupflanzen. Sehen sie etwa eine paarungsbereite Geiß, verfolgen sie sie stunden-, manchmal tagelang. In diesem Stadium sind die Tiere sehr unvorsichtig und kümmern sich weder um Deckung noch um Gefahren wie den Straßenverkehr. Das nutzen die Jäger und verwenden zusätzlich Lockmittel, um die Böcke auf das freie Feld zu locken.

Trotz Abschussquote darf aber nicht jedes Reh geschossen werden. Abschussgefährdet sind nach dem Willen der Jagdschutzbehörde vor allem jüngere Tiere, die etwa ein Jahr alt sind und einen schmalen Hals haben. Starke Jährlinge hingegen sollen für die Aufzucht geschont und deren Abschuss vermieden werden. Um die Brunft der Tiere im Wald nicht zu sehr zu stören, trotzdem aber genügend Tiere ins Blickfeld zu bekommen, nutzen die Jäger einen Trick: Sie ahmen die Rufe eines Rehkitzes nach seiner Mutter nach oder aber den Ruf eines weiblichen Tieres vor oder während der Begattung. Revierlose Böcke folgen diesen Rufen, weil sie glauben, so auf ein paarungsbereites Weibchen zu stoßen. Früher wurden diese Lockrufe mit Baumblättern nachgeahmt. Deshalb der Begriff »Blattjagd«. Heute gibt es dafür speziell angefertigte Geräte, die die tierischen Laute täuschend echt nachmachen.

Pfeiffe ahmt Rehkitz nach

Gute zwei Stunden hat Ross an diesem Sommerabend auf seinem Hochstand gesessen und auf heraustretende Rehböcke gewartet. Bis dahin vergebens. Deshalb zog er zunächst die kleine Pfeife hervor, die den Ruf eines Rehkitzes nachmacht. Drei-, viermal ertönte der Fiepton. Doch nichts regte sich. Dann greift er zu dem Instrument, das eine Geiß nachahmt. Zwei, drei kurze Signale, ein wenig warten - und schon springt ein Rehbock auf das Feld. Der blickt sich suchend um und läuft dann an dem noch hochstehenden Mais auf und ab. Zeit genug für den Jäger, den Bock genau zu betrachten. Dann setzt er das Gewehr wieder ab und schüttelt mit dem Kopf. »Das ist ein ganz besonders starker Jährling. Der bleibt am Leben.«

Inzwischen ist es dunkel geworden, und Ross bricht die Jagd auf die unvorsichtigen Rehe für diesen Tag ab. »Morgen ist ja auch noch ein Tag«, sagt er. Dann steigt er von seinem Hochsitz. Aber nicht ohne vorher schnell noch einen Blick in zwei Vogelhäuschen geworfen zu haben. »Hier nisten Feldsperlinge. Auf die gebe ich besonders viel acht«, sagt er. »Denn ihre Art ist vom Aussterben bedroht.«

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