03. Mai 2019, 19:57 Uhr

Zum Banküberfall im Sportwagen vorfahren

03. Mai 2019, 19:57 Uhr
Eine Sparkassen-Filiale spielt eine wichtige Rolle in dem Kurzkrimi »Ein Ferrari in Reichelsheim« von Bernd Köstering. (Foto: dpa)

Die Frauengruppe »mittendrin« hat sich 2018 aufgelöst – nach 40 engagierten Jahren in und für Reichelsheim. Am Sonntag, 5. Mai, 11 Uhr, wird das verbliebene Geld aus der Kasse im Gottesdienst verteilt. Dabei nehmen die Frauen wieder soziale Zwecke in den Blick. Auch kulturell melden sie sich ein letztes Mal zu Wort: Nach zehn Jahren außergewöhnlicher Lesungen am »RomanTisch« haben sie der WZ einen Kurzkrimi zur Verfügung gestellt, den wir – auf zwei Tage verteilt – abdrucken. Der Offenbacher Autor Bernd Köstering hatte »Ein Ferrari in Reichelsheim« extra für die »mittendrins« geschrieben; hier ist der zweite Teil, der Bankraub kann beginnen:

 

Um genau 11.55 Uhr springen zwei Gestalten mit Sehschlitzwollmützen vor der Reichelsheimer Filiale der Sparkasse Oberhessen aus einem gelben Ferrari Testarossa und stürmen durch die Eingangstür.

Zunächst kommen sie in einem kleinen, engen Vorraum, in dem sich, außer zwei Bankautomaten, noch drei Rentner befinden, die über den nicht gegebenen Elfmeter im DFB-Pokalendspiel diskutieren.

»Platz hier!«, ruft die Chefin.

»Platz vier!«, antwortet ein Mann mit Gehstock und Hörgerät, »ja, den hätte die Eintracht mindestens verdient, das wäre dann die Champions League...« (Bernd, Dialekt)

»Alle raus!«, ruft die Chefin. »Wir müssen hier arbeiten!« Damit schiebt sie die älteren Herren durch die Tür hinaus auf den Bürgersteig, postiert sich direkt neben dem Eingang, die Handtasche griffbereit und gibt ihrem Mitarbeiter einen Wink in Richtung Schalterhalle. »Los, du Sackgesicht!«

Er öffnet die Tür zur Schalterhalle. Zunächst merkt er nicht, dass es gar keine »Halle« gibt, sondern nur einen mittelgroßen Raum, und dass sich die Serviceschalter nicht rechts, sondern links befinden. Außerdem verkürzt sich der Plural »die Schalter« zu einem Singular und da er die geplanten fünf Schritte ein wenig zu selbstbewusst ausgeführt hat, kracht er nach drei Schritten mit der Kniescheibe in die Dekorleiste unterhalb des Tresens der Sparkassenangestellten.

»Aua!«

»Sie wünschen?«, fragt die Frau, die sich mittels Namensschild als Frau Büttner ausweist. (Christiane, korrekt)

»Dies ist ein Banküberfall! Ich wünsche 100 000 ... äh, nein lieber 200 000 Euro in nummerierten Scheinen!« Da die Wollmütze während des Kniescheibenunfalls verrutscht ist, sieht er die Frau nur noch mit einem Auge.

Sie hebt die Schultern. »Sorry, aber so viel Geld haben wir hier nicht. Außerdem sind die Scheine sowieso alle nummeriert.«

»Ja, das dachte ich auch, also, ich meine ... warum, also warum haben Sie nicht so viel Geld, der Manni hat gesagt, Sie hätten so viel!«

»Ich weiß nicht, wer dieser Manni ist, aber eins ist klar, der hat keine Ahnung. Ich kann während der Servicezeiten maximal 5000 Euro auszahlen und das nur über eine interne Zahlungsanweisung an den Geldautomaten draußen im Vorraum. Aber Sie können gerne bis zu 30 000 Euro einzahlen, ja, das geht!«

»Verdammt, ich bin ein Bankräuber, ich will kein Geld einzahlen, ist das klar!«

»Ach ja, hatte ich ganz vergessen. Brauchen Bankräuber eigentlich Kontoauszüge, die könnten Sie auch im Vorraum...«

»Das reicht jetzt! Wir halten ihren Sparkassendirektor gefangen und wir wollen 200 000 Euro, sonst geht es ihm schlecht!«

»Sie haben unseren Herrn Prezlich entführt?«

»Nein, Ihren Herrn Schulte-Andresen!«

»Den kenne ich nicht, da müssen Sie schon woanders nachfragen.«

Er zieht die kleine Schachtel aus der Jackentasche. »Hier, das ist sein Ohr, wir haben es abgeschnitten, und wenn Sie nicht sofort das Geld rausrücken, schneiden wir ihm auch noch die beiden anderen Ohren ab, klar!«

Frau Büttner nimmt die Schachtel in die Hand und besieht sich das Ohr. »Sie Vollpfosten! Mein Onkel hat eine Metzgerei drüben in Dorn-Assenheim, da habe ich oft ausgeholfen. Das hier...« Sie hält die Schachtel hoch. »Das ist das Ohr eines Ferkels, das sehe ich genau.«

Er überlegt, seine Wumme einzusetzen, um diese widerspenstige Frau zu bändigen, da fällt ihm ein, dass er nur eine Plastikpistole bei sich hat.

Er dreht sich um. »Boss, ich brauche...«

Doch am Eingang steht keine Chefin mehr, und vor der Sparkasse ist auch kein gelber Ferrari mehr zu sehen. Stattdessen kommen einige nette Herren in blauer Uniform auf ihn zu.

»Ich bin Polizeihauptkommissar Tietze«, sagt einer der Uniformierten. »Sie sind vorläufig festgenommen!«

Während die Handschellen klicken, sagt Tietze in Richtung der Sparkassenangestellten: »Danke, Frau Büttner, dass Sie ihn so lange festgehalten haben, nachdem Sie den Notruf gedrückt hatten.«

Die Frau nickt. »Das war kein Problem. Eigentlich ist er harmlos, mehr so eine Art Kampfhamster. Aber die Frau, die dort an der Tür stand...«, sie zeigt zum Eingang, »die ist gefährlich. Sie ist mit einem gelben Sportwagen abgehauen.«

»Okay, wir kümmern uns darum«, sagt der Polizist und greift zu seinem Funkgerät. Er redet mit den Kollegen und hört zu, nickt mehrmals zufrieden.

Dann sagt er: »Wir haben sie. Auf der langen Geraden kurz vor Weckesheim wurde sie mit 150 Sachen geblitzt und sofort angehalten. Sie hatte einen Armeecolt in der Handtasche.«

Das geschieht ihr recht, denkt der Mann in Handschellen. Diese ostsibirische Trümmerlotte!

»Und«, fährt der Polizeihauptkommissar fort, »sie hatte den Plan einer Sparkassen-Schalterhalle dabei, es ist aber eindeutig nicht der Plan dieser Filiale. Seltsam.«

Frau Büttner wiegt den Kopf hin und her: »Kennen Sie einen Herrn Schulze-Andresen?«

Tietze sieht sie erstaunt an: »Allerdings, das ist der Filialleiter der Sparkasse Reichelsheim im Odenwald. Seine Filiale wurde letztes Jahr überfallen.«

 

Mehr von Bernd Köstering gibt es in seinem Buch »Mörderisches Oberhessen – 11 Krimis und 125 Freizeittipps«, erschienen im Gmeiner Verlag, Meßkirch.

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