25. Juni 2019, 19:13 Uhr

Zweifel bleiben

25. Juni 2019, 19:13 Uhr
Viel Rede- und Aufklärungsbedarf gibt es zum Thema Wirtschaftlichkeit einer »Plus-Energie-Siedlung« auf dem »Gollacker«. Als Experten sind Prof. Martina Klärle (HLG) und Peter Drausnigg (Stadtwerke Bad Nauheim, l. daneben) in den Ausschuss gekommen. (Foto: jwn)

Eignet sich das geplante Wohnbaugebiet »Auf dem Gollacker« am Rande von Assenheim für ein landesweites Energie-Vorzeigemodell? Kann auch mit ihm die soziale Komponente des bezahlbaren Wohnens ermöglicht werden? Um diese Fragen von Fachleuten beantwortet zu bekommen, hat sich der Bauausschuss am Montagabend zu einer Sondersitzung getroffen.

Dabei sollte vor allem geklärt werden, ob das von Bürgermeister Dr. Bernhard Hertel kurzfristig ins Spiel gebrachte Modell einer »Plus-Energie-Siedlung« das Wohnbauprojekt am »Gollacker« so verteuern würde, dass das Ziel, mindestens 25 Prozent für bezahlbaren Wohnraum vorzuhalten, am Ende nicht mehr erreicht werden könnte. Die entscheidende Frage an diesem Abend war also nicht das Konzept der »Plus-Energie-Siedlung« an sich, sondern die Wirtschaftlichkeit nach den geänderten Konditionen. »Schließlich ändern sich mit der Hinzuziehung des Energieeinsparmodells die Spielregeln für die Investoren und die Häuslebauer«, argumentierte Peter Schmitz (FDP).

Teurer oder sogar günstiger?

Prof. Martina Klärle, Geschäftsführerin der Hessischen Landgesellschaft, erläuterte den von ihr entworfenen Leitfaden für eine »Plus-Energie-Siedlung«. »Die gibt es nicht von der Stange, und sie wird auch mittelfristig nicht die Norm beim Bau von Häusern sein. Denn jedes Projekt erfordert eine maßgeschneiderte Lösung.« Wichtig sei vor allem, die Entscheidung zur Verwirklichung einer »Plus-Energie-Siedlung«, in der mehr Energie erzeugt als verbraucht wird, vor Beginn jeder Planung zu treffen. Sonst werde das Vorhaben teurer. »Oder mit anderen Worten: je mehr Zwang zur Anwendung aller Komponenten, umso wirtschaftlicher das ganze Projekt«, erklärte Klärle und bestärkte damit ungewollt die Zweifel der Kritiker.

Denn sowohl aus dem Ausschuss als auch aus der Zuhörerschaft tauchte immer wieder die Frage nach der Wirtschaftlichkeit auf. Laut Klärle liegen die Anfangsinvestitionen, die beim Bau eines »Plus-Energie-Hauses« anfallen, um fünf bis 10 Prozent höher als bei konventioneller Bauweise. Wirtschaftlich werde das Projekt dadurch, dass durch den anschließenden Betrieb nach spätestens zehn Jahren das Pendel umschlage: Die höheren Anfangskosten würden durch die Einnahmen, etwa durch den zu viel erzeugten Strom, nicht nur ausgeglichen. Auch die Betriebskosten seien danach deutlich geringer als in einem konventionellen Haus.

Dafür müssten beispielsweise Parkplätze für Car-Sharing-Fahrzeuge und Stellplätze mit Ladesäulen für E-Mobile eingeplant werden. Alle Grundstücke müssten zudem untereinander an das Energienetz für Strom und Wärme angeschlossen werden, damit überschüssige Energie in der ganzen Siedlung abgenommen werden könne. Auch das Betreibermodell für ein gemeinsames Kraftwerk und die Organisation des Energiehandels seien zu bedenken, sagte Klärle.

Wie das funktioniert, schilderte danach Peter Drausnigg, Geschäftsführer der Bad Nauheimer Stadtwerke, die im Neubaugebiet »Bad Nauheim Süd« die Wärmeversorgung mit »Kalter Nahwärme« realisieren. Obwohl die Stadtwerke mit ihrer 11 500 Quadratmeter großen Erdwärmeheizung im Wettbewerb mit anderen Energieanbietern stünden, würden 80 Prozent der 400 neuen Wohneinheiten an ihr Netz angeschlossen. Mit dem nachhaltigen Energieangebot werde übrigens nicht nur Wärme erzeugt, sondern auch Kälte zur Kühlung der Wohnungen.

Trotzdem behielten viele Ausschussmitglieder und auch Zuhörer ihre Skepsis. »Das Modell klingt einfach zu schön, um wahr zu sein«, meinte beispielsweise eine Bürgerin. »Ist Niddatal überhaupt dafür geeignet?« Als dann noch Markus Nikleniewicz für die Grünen das gesamte Baugebiet »Gollacker« wegen des Themas Landverbrauchs in Frage stellte, wurde die Sitzung auf Antrag der SPD nach über drei Stunden beendet und die Abstimmung vertagt. Damit kann in der Stadtverordnetenversammlung am heutigen Mittwoch (20 Uhr, BGH Assenheim) nicht abschließend darüber entschieden werden.

Schlagworte in diesem Artikel

  • Assenheim
  • Ausschüsse
  • Bauherren
  • Bernhard Hertel
  • Bundesgerichtshof
  • Bürger
  • Energie
  • FDP
  • Kraftwerke
  • Modelle
  • Peter Schmitz
  • SPD
  • Sozialbereich
  • Stadtwerke
  • Niddatal
  • Jürgen W. Niehoff
  • Schlagwort zu
    Meine Themen

    Sie haben bereits 15 Themen gewählt

    Sie folgen diesem
    Thema bereits

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 12 x 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.