27. Mai 2019, 18:57 Uhr

Zwischen Traum und Wirklichkeit

27. Mai 2019, 18:57 Uhr
Friederike Müller hat sich in der Lesung dem »Schwarzen Schwan Israels«, der deutsch-jüdischen Autorin Else Lasker-Schüler gewidmet. (Foto: gk)

»Und meine Seele verglüht in den Abendfarben Jerusalems«: Die Zeile aus einem Gedicht Else Lasker-Schülers, deren Geburtstag sich in diesem Jahr zum 150. Mal jährt, diente Friederike Müller im Buber-Rosenzweig-Haus als Motto für ihre kommentierte Rezitation von lyrischen und Prosatexten der 1869 im heutigen Stadtteil Wuppertal-Elberfeld geborenen deutsch-jüdischen Autorin, die im Januar 1945 verarmt und vereinsamt im Jerusalemer Exil starb.

Anhand vorwiegend lyrischer Texte der lange verkannten Autorin sowie Zeugnissen von Freunden und Weggefährten wie Peter Hille, Gottfried Benn, Schalom Ben-Chorin u. a. zeichnete Friederike Müller ein zugleich informatives und bewegendes Bild der »Tochter aus gutem Hause«, die von zahlreichen Schicksalsschlägen wie dem frühen Tod der Mutter mit 52, dem Tod des verehrten älteren Bruders mit 21, vor allem aber des geliebten Sohnes mit 28 Jahren heimgesucht wurde.

In dem ergreifenden, ihrem verstorbenen Sohn Paul gewidmeten Gedicht »An mein Kind« heißt es: »Immer wieder wirst du mir im scheidenden Jahre sterben, mein Kind, wenn das Laub zerfließt und die Zweige schmal werden. Die Sterne, die in diesem Monat so viele sprühend ins Leben fallen, tropfen schwer auf mein Herz.«

Darum brennen die Bücher

Müller traf den »Zauberton« von Lasker-Schülers an ungewöhnlichen Metaphern überreichen Gedichten durch ihre vom »Pathos der Distanz« (Nietzsche) geprägte nüchterne, jedem falschen Pathos abholde Rezitation. In gut anderthalb Stunden erhielten die Zuhörer Einblick in ein leidenschaftliches Dichterleben zwischen Traum und Wirklichkeit - wobei der Traum für sie zweifellos realer war als die sogenannte »Realität«.

Lasker-Schüler hat ein kapriziöses Maskenspiel mit Fantasienamen aufgeführt. »Prinz Yussuf von Theben«, »Prinzessin Tino von Bagdad«: So und anders nennt sie sich. Ihr wahres Geburtsdatum verheimlicht sie lebenslang. Der Dichterfreund Gottfried Benn beschreibt ihre ungewöhnliche Erscheinung und Lebensstil: »Man konnte nicht mit ihr über die Straße gehen, ohne dass alle Welt stillstand und ihr nachsah: extravagante weiße Röcke oder Hosen, unmögliche Obergewänder, Hals und Arme behängt mit auffallendem, unechtem Schmuck. Oft lebte sie wochenlang von Nüssen und Obst.«

Trotz oder gerade wegen zahlreicher Affären steht die Dichterin mehrmals vor völliger Verarmung. Den Totalabsturz können von Freunden wie Gottfried Benn oder Bewunderern wie Karl Kraus initiierte Spendenaktionen verhindern.

1932 wird Lasker-Schüler mit dem renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Ein Jahr später - im Mai 1933 - brennen ihre Bücher. Von den braunen Machthabern wird die Jüdin aufs Übelste diffamiert. Sie verlässt Deutschland, um nicht mehr zurückzukehren. Ein unstetes Wanderleben, das sie auch ins britische Mandatsgebiet Palästina führt, beginnt. In ihren letzten Jerusalemer Lebensjahren zwischen 1939 und 1945 tritt die sprachmächtigste deutschsprachige Dichterin der ersten Jahrhunderthälfte den langen religiösen Weg zurück ins »Land der Väter« an. Im Gedicht »Gebet« lesen wir: »Ich suche allerlanden eine Stadt, die einen Engel vor der Pforte hat. Ich trage seinen großen Flügel gebrochen schwer am Schulterblatt, und in der Stirne seinen Stern als Siegel.«

Nach lang anhaltendem Applaus endet Friederike Müllers Lesung über den »Schwarzen Schwan Israels«. Sie hätte viel mehr Zuhörer verdient.

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