27. Dezember 2016, 18:23 Uhr

Kahlschlag für die »neue« Nidda

Karben (pe). Der Fachausdruck lautet »Baufeldfreiräumung«. Was so harmlos klingt, ist im Falle der Nidda-Renaturierung ein gewaltiger Kahlschlag. Über 100 Bäume und eine Fülle von Büschen und Hecken werden ab Januar im Karbener Stadtzentrum gerodet. Denn dort wird das Feld freigeräumt für die Arbeiten zur naturnahen Neugestaltung des Flusses und seiner Ufer. Nur eine Baumart bleibt erhalten.
27. Dezember 2016, 18:23 Uhr
Die Tage des heutigen Kanals sind gezählt. Die Stadt hat die Aufträge zur Renaturierung vergeben. Zuerst wird es in diesem Bereich zwischen Bürgerzentrum und ASB-Altenzentrum aber kahl werden, denn Büsche und Bäume werden gerodet. (Foto: pe)

Es handelt sich um eines der ganz großen Bauvorhaben in Karbens Natur. Der Bereich der Nidda soll zwischen dem ASB-Altenzentrum und den KSV-Tennisplätzen naturnah umgestaltet werden. »Die Menschen können näher zum Fluss, für sie wird die Nidda erlebbarer werden«, sagt Ekkehart Böing, der stellvertretende Fachdienstleiter Bauen. Übergeordnetes Ziel sei die Verbesserung der Wasserqualität des Flusses, wie sie von der Europäischen Union angestrebt werde. Um das zu erreichen, muss der Fluss aus seinem Kanalbett heraus und wieder mäandern, also sich mehr durch die Landschaft schlängeln. Dazu hat der Bad Vilbeler Gewässerökologe Gottfried Lehr einen Plan erarbeitet, der Grundlage für die Ausschreibung der Arbeiten war. Drei Firmen hatten sich dafür im Rathaus präsentiert. Deren Präsentationen wurden von Böing, dem Bauamtsleiter Heiko Heinzel und dem Umweltbeauftragten bei der Stadt, Thomas Adam, begutachtet. Die Aufträge seien zwei Tage vor Weihnachten vom Magistrat an die Firma Rolf-Jürgen Gebler vergeben worden, berichtet Bürgermeister Guido Rahn in der monatlichen Magistratspressekonferenz. Die Firma stamme aus Baden-Württemberg und habe sich als Fachbüro für Renaturierungsmaßnahmen bundesweit bewährt. Man habe ein größeres Unternehmen mit dieser hochkomplexen Sache betrauen wollen und nicht einen Einzelnen, antwortet Rahn auf die Frage, warum denn nicht derjenige, der die Pläne erstellt habe, auch die Bauüberwachung erhalten habe.

Kompliziert ist die Sache in der Tat, denn entlang des rund 1,5 Kilometer langen Abschnittes der Nidda im Stadtzentrum verlaufen zahlreiche Kabel- und Kanalschächte, die umgelegt werden müssen. Erst wenn das passiert ist, rollen die Bagger an, um dem Fluss ein neues Bett zu schaufeln.

Zuerst aber kommt die Firma Scherz aus Altenstadt, die beauftragt ist, das Baufeld vorzubereiten. Dahinter steckt eine Menge Arbeit und ein sichtbarer Kahlschlag am Ufer. »Es müssen über 100 Bäume gefällt werden«, informiert Rahn. Dafür sei eine detaillierte Planung erstellt und sowohl mit der Oberen als auch mit der Unteren Wasserbehörde abgestimmt worden. »Auch die Umweltverbände waren einbezogen.« Zunächst einmal erfolgt ein gewaltiger Eingriff in die Natur. Der sei nötig, »weil wir keine Renaturierung machen können, wenn Bäume mitten im künftigen Flusslauf stehen«. Neben den Bäumen werden auch die Büsche und Hecken verschwinden. »Das sieht dann Ende Februar aus wie frisch vom Friseur«, vergleicht Rahn. »Aber damit der Bereich wieder schöner werden kann, muss er zunächst einmal abgeholzt werden. Kurzfristig wird es an der Nidda schlimm aussehen, aber mittel- und langfristig wird es viel besser.«

Lediglich etwa 20 Bäume sollen erhalten bleiben. Die bleiben aber auch nicht an Ort und Stelle stehen, sondern werden in einem aufwendigen Verfahren ausgegraben, dann andernorts eingegraben, um nach Abschluss der Renaturierungsarbeiten an ihren alten Standort zurückgebracht und dort eingepflanzt zu werden. Bei den erhaltenswerten Bäumen handelt es sich nach Angaben Böings um Kopfweiden, die als erhaltenswerte Kulturgüter gelten und somit unter Schutz stehen.

Die Rodungsarbeiten sollen zwischen dem 6. Januar und dem 28. Februar stattfinden. Ende Febraur müssen sie wegen der im März beginnenden Brut- und Setzzeit beendet sein.

Während der Bauarbeiten, die insgesamt bis zum Jahresende 2017 dauern werden, bleibt der Radweg an der Nidda gesperrt. Laut Böing wird eine Umleitung über Brunnenstraße, Hessenring und Breul eingerichtet. »Durch das Gewerbegebiet wollen wir die Radfahrer nicht umleiten.« Nachdem die Erdarbeiten für die neuen Flussufer beendet sein werden, wird der Radweg wieder neu angelegt. Dafür sind rund 550 000 Euro veranschlagt, wobei 75 Prozent der zuschussfähigen Kosten das Land Hessen übernimmt, die anderen 25 Prozent zahlt der Zweckverband Niddaradweg. Die Renaturierungsarbeiten mit den damit verbundenen Kanalumlegungen beziffert der Bürgermeister auf rund 2,5 Millionen Euro.

Den Fluss erlebbar machen

Für insgesamt also 3 Millionen Euro soll der Flussabschnitt für die Karbener im Innenstadtbereich wieder erlebbar gemacht werden. Die Stadt will im Zusammenhang mit diesem Projekt weiteres Geld in die Hand nehmen. Der Bereich hinter dem Bürgerzentrum wird so umgestaltet, »dass der Fluss wieder sichtbar wird«. Dafür hat die Stadt laut Rahn gerade das Planungsbüro gewechselt. »Wir hoffen, damit neue Ideen hereinzukriegen.«

Und noch etwas hofft der Magistrat: Dass sich die Proteste wegen des in Kürze beginnenden Kahlschlages in Grenzen halten. »Die Maßnahme ist mit den Naturschutzverbänden abgestimmt. Und die stehen voll hinter der Renaturierung.«

Schlagworte in diesem Artikel

Klicken Sie auf ein Schlagwort, um es zu „Meine Themen” hinzuzufügen oder weitere Inhalte dazu zu sehen.


0
Kommentare | Kommentieren

Mehr zum Thema

Bilder und Videos

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Kommentar schreiben - Ihre Meinung zum Thema ist gefragt


Kommentare werden erst nach einer Prüfung durch die Redaktion veröffentlicht. Bitte beachten Sie die Netiquette sowie die Hinweise nach dem Absenden Ihres Beitrags.


Überschrift
Meine Meinung





Sie haben noch kein Login? Jetzt kostenlos registrieren.

Registrieren Sie sich kostenlos um Ihren Kommentar abzuschließen:

Wir garantieren Ihnen, dass alle persönlichen Daten nur beim Verlag intern verwendet werden und nicht ohne Zustimmung an Dritte weitergegeben werden.


Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:
Wieviel ist 1 + 2: 




Sie sind bereits registriert? Zurück zum Login.