20. September 2009, 18:40 Uhr

»Die Stadtrandlage wirkt sich nachteilig aus«

Karben (jas). »Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Politiker in letzter Zeit die Leistung des Mütter- und Familienzentrums (MüZe) und seinen Stellenwert für die Stadt nicht mehr recht zu würdigen wissen.«
20. September 2009, 18:40 Uhr
Wünscht sich mehr Anerkennung von der Stadt: Gabriele Ratazzi-Stoll, Vorsitzende des Mütter- und Familienzentrums. (Foto: Stavenow)

Karben (jas). »Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Politiker in letzter Zeit die Leistung des Mütter- und Familienzentrums (MüZe) und seinen Stellenwert für die Stadt nicht mehr recht zu würdigen wissen.« Obwohl es ein äußerst erfreulicher Anlass war, zu dem die Mitglieder des MüZe am Samstagvormittag in den Roggauer »Dorftreff« geladen hatten, sparte die Vorsitzende des Vereins, Gabriele Ratazzi-Stoll, nicht mit Kritik. Seit 20 Jahren gibt es nunmehr den Treff für Familien, der sich seit kurzem in ein »Mütter- und Familienzentrum« umbenannt hat. 1989 von Stella Großer-Arz und einigen Mitstreiterinnen gegründet, hat der Verein seither Erfolgsgeschichte geschrieben. 120 Mitglieder unterstützen die Arbeit, viele mehr -allein über 840 Kursteilnehmer waren es 2008 - schätzen das Angebot des MüZe. Und doch: Ausgerechnet im Jubiläumsjahr steht das MüZe an einem Scheideweg, wie Ratazzi-Stoll in ihrer Festrede betonte.

Verkehrsgünstiger Standort gewünscht

»Der Umzug nach Burg-Gräfenrode hat es ganz deutlich gemacht. Die Frage heißt für uns: Schrumpfen wir zurück zu einer reinen Selbsthilfeeinrichtung oder professionalisieren wir uns zum echten Dienstleister?« Das alte Fachwerkhaus in der Okarbener Hauptstraße, lange Sitz des MüZe, musste der Verein nach monatelanger kontrovers geführter Diskussion mit den städtischen Verantwortlichen im März 2009 verlassen. Das neue Domizil in Roggau wurde bezogen. »Es ist schön hier. Wir fühlen uns wohl. Aber durch den Umzug sind die Anmeldezahlen im Minikindergarten und die Besucherzahlen unserer offenen Angebote, die Herzstücke des Vereins, deutlich zurückgegangen«, betonte Ratazzi-Stoll. Wie von den Frauen befürchtet, wirke sich die Stadtrandlage nachteilig aus. »Die Kurse werden weiter gut besucht. Sie sind attraktiv genug, um dafür weitere Anfahrten in Kauf zu nehmen.« Gewünscht hätte sich der Verein ein verkehrsgünstig gelegenes Zentrum, barrierefrei erreichbar für Jung und Alt, das die Möglichkeit geboten hätte, Ideen wie einen Mehrgenerationentreff, ein offenes Café oder eine Kinderkrippe umzusetzen.

Dass der Weg hin zu einem modernen Dienstleister schwierig werden wird, auch daraus machte die Vorsitzende bei der Jubiläumsfeier keinen Hehl: »Unsere Mitglieder betrachten sich immer mehr als Kunden. Sie erwarten für ihre Beiträge Leistungen. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich einzubringen, sinkt. Die Organisation und Verwaltung des Vereins bleibt an einigen wenigen Frauen hängen, die jedoch an die Grenzen der Belastbarkeit gestoßen sind. So liegen viele Potenziale brach«

Außer Ratazzi-Stoll sind es im Vorstand Angela Stotz, Kerstin Schmaljohann, Natalie Koblenz und Ramona Hecker, die ihre Zeit ins MüZe investieren. Unterstützt werden sie von einigen anderen engagierten Frauen. »Aber klar ist, dass das MüZe mit seinem jetzigen Angebot nicht allein weiter ehrenamtlich gemanagt werden kann«, sagte die Vorsitzende und appellierte noch einmal an Stadtrat und SPD-Bürgermeisterkandidat Jochen Schmitt, den SPD-Fraktionsvorsitzenden Thomas Görlich, Stadtverordnetenvorsteherin Ingrid Lenz und CDU-Bürgermeisterkandidat Guido Rahn, intensiv über eine Honorierung der MüZe-Arbeit nachzudenken. »Die an uns gestellten Ansprüche sind auf Dauer nur mit hauptamtlichen Kräften verlässlich zu erfüllen. « Das MüZe leiste in seiner Doppelfunktion als Selbsthilfeorganisation und Dienstleistungsplattform einen wertvollen Beitrag für die Gesellschaft und sei zu einem echten Standortvorteil für Karben geworden. Zum Jubiläum wünschte sich die Vorsitzende »politischen Rückhalt und finanzielle Unterstützung« sowie, »dass wir in der Stadt wieder den Raum eingeräumt bekommen, der uns gebührt.«

Sein Bestes dafür zu geben, dass dies in Zukunft geschieht, versprach Stadtrat Schmitt in seiner Glückwunschrede. »Keine Frage: Finanzielle Notwendigkeiten haben dazu geführt, dass wir heute hier und nicht in Okarben feiern. Die Mittel zur Renovierung des maroden Hauses wurden vom Parlament nicht zur Verfügung gestellt, ein Umzug daher notwendig.« Die Probleme, die durch den Ortswechsel entstanden seien, lägen auf der Hand. »Die Politiker dürfen Sie nicht im Stich lassen. Auf Grund der Aktualität Ihres Ansinnens wäre es ein Armutszeugnis für die Stadt, hier vor Problemen die Augen zu verschließen und Sie allein zu lassen«, betonte Schmitt und überreichte als Geschenk einen Geldumschlag. Vom SPD-Fraktionsvorsitzenden Thomas Görlich gab es einen grünen Bobby-Car-Flitzer für den Minikindergarten, der von den Kindern sofort getestet wurde.

Ihre Glückwünsche überbrachte auch Kornelia Schäfer vom Fachdienst Frauen und Chancengleichheit des Wetteraukreises. »Jede Stadt kann froh sein, wenn sie eine so aktive Einrichtung hat wie das MüZe. Denn wo entsteht sonst mit solch geringen Mitteln ein so umfangreiches und vielfältiges Angebot?«

»Familien müssen gestärkt werden«

An die Anfänge und Ziele des MüZe, das sich in erster Linie als Anlaufstelle für Mütter und Familienmitglieder und nicht als Kinderbetreuungseinrichtung versteht, erinnerte die Gründerin und erste Vorsitzende Stella Großer-Arz. »Als wir 1986 nach Karben kamen, war ich total vereinsamt. Ich hatte Sehnsucht nach Freunden, nach meiner Familie. Mir fehlte der Austausch mit anderen jungen Müttern.« Begeistert sei sie von der Idee gewesen, ein Mütterzentrum aufzubauen, auf einem Zettel habe sie erfahren, dass so etwas geplant sei. »Beim ersten Treffen waren wir 19 Frauen, eine aus Karben und 18 Zugezogene«, erinnerte sich Großer-Arz. Im »Null Komma nichts« habe man den Verein aufgebaut, Kurse angeboten, ein Netzwerk geschaffen und schließlich mithilfe des damaligen Bürgermeisters Detlev Engel auch Räume gefunden. »Die Familien müssen gestärkt werden, weil sie die Grundlage dafür sind, dass es uns allen gut geht«, sagte sie und brachte eine Idee ins Gespräch: »Im Stadtzentrum haben wir einen städtischen Bauplatz, der frei ist. Spielplatz und Altersheim sind gleich daneben. Lohnt es sich nicht, einmal darüber nachzudenken, ob das der richtige Platz für das MüZe wäre?«

Trotz vieler kritischer Worte wurde das 20-jährige Bestehen des Vereins im Anschluss an die Reden mit Sekt und Büfett gebührend gefeiert. Musikalisch sorgte das Folklore-Ensemble der Musikschule Bad Vilbel/Karben für gute Stimmung. Die Kinder brachte Clown Ronaldo mit Tellerjonglage und Mitmachprogramm zum Lachen.



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