24. Juli 2018, 11:00 Uhr

Karben

Wo die Bio-Schweine wühlen

Viele haben nur eine diffuse Vorstellung davon, wie auf einem Bio-Bauernhof gearbeitet wird. Dass keine Chemie eingesetzt wird und Tiere artgerecht gehalten werden. Doch was bedeutet das genau? Die Karbener Familie Mager gibt Antworten.
24. Juli 2018, 11:00 Uhr
Ökolandwirt Sebastian Mager hat auf seinem Hof 50 Schweine. Er sagt: »Unsere Schweine verhalten sich so wie Wildschweine.« (Foto: pe)

Neugierig sind sie, die gut genährten rosaroten Schweine. Sie recken die Köpfe, als sich der Fotograf nähert. Fürs Foto ruft Sebastian Mager in den ersten Stall hinein. Mit einer Karotte bringt er das Schwein dazu, neben ihn zu kommen. Derweil sind die anderen 49 Tiere schon wieder damit beschäftigt, mit den Nasen im Stroh zu wühlen.

»Unsere Schweine verhalten sich so wie Wildschweine.« Die sind drei Viertel des Tages mit Futtersuche beschäftigt. Weil sie dafür Platz brauchen, haben die Magerhof-Schweine nicht nur einen Stall, sondern auch viel Auslauf. Der ist mit Stroh ausgelegt, dazwischen eingestreut finden die Tiere immer wieder Kartoffelreste, Karotten und anderes Gemüse. Kraftfutter mit Zusätzen findet man hier nicht. Ebenso keine kleinen Ställe, wo die Tiere kaum Auslauf und folglich keine Bewegung haben, damit sie schneller schlachtreif werden.

In der konventionellen Tierhaltung seien die Schweine nach drei bis vier Monaten schlachtreif, »bei uns nach rund sieben Monaten«. Auf dem Magerhof in Klein-Karben geht man nach eigenen Angaben von den Bedürfnissen der Tiere aus, und das heißt: Auslauf und Naturfutter. Das heißt auch: »Bei uns wird keinem Schwein der Schwanz kupiert.« In der Massentierhaltung werde dies getan, weil sich die Tiere auf engstem Raum gegenseitig die Schwänze anknabbern.

»Bei uns wird auch keinem Huhn der Schnabel kupiert.« Denn der Schnabel, sagt Sebastian Mager, sei das »Hauptorientierungswerkzeug«. 850 Hühner hält die Familie, alle haben Auslauf und können sich frei bewegen. Diese Tierhaltung ist gewiss aufwendiger als die konventionelle Haltung. »Dafür ist der Tierarzt seit 1994 bei uns selten zu sehen.«

Die Jahreszahl nennt Sebastian Mager bewusst. Denn 1994 markiert das Jahr, in dem sein Vater Albrecht von konventionellen auf Bio-Anbau umgestellt hat. Der Biolandhof ist zertifiziert und wird ständig kontrolliert. Nicht nur die Tierhaltung ist anders, auch der Ackerbau. »Die Basis für den Ackerbau ist eine spezielle Fruchtfolge«, sagt Mager. Und die funktioniert so: Auf einem Acker wächst zwei Jahre lang die Luzerne, das ist eine Pflanze, die den atmosphärischen Stickstoff in organischen Stickstoff umwandelt und ihn somit an den Boden abgibt. Im dritten Jahr wird auf demselben Feld Weizen gesät. »Der braucht am meisten Nährstoffe.« Im vierten Jahr kommen die Kartoffeln, im fünften das Futtergetreide für die Hühner und im sechsten Jahr die Sorten, die am wenigsten Nährstoffe benötigen, wie etwa Futtererbsen, aber auch Roggen oder Dinkel.

Diese sogenannte Kreislaufwirtschaft sei vor der Erfindung des Kunstdüngers der Standard in der Landwirtschaft gewesen. »Wir Biobauern setzen also alte Traditionen fort.« 80 Hektar bewirtschaftet die Familie Mager auf diese Weise rund um den Hof. Ein Drittel davon befindet sich direkt um den Hof herum, aber es gibt auch Felder in anderen Karbener Stadtteilen außer Burg-Gräfenrode und Petterweil, dafür aber in der Kaicher Gemarkung.

 

Natürliche Gegenspieler

 

Ebenso wie die Ackerbewirtschaftung erfolgt die Schädlingsbekämpfung nach alten Erkenntnissen. Der Magerhof setzt beispielsweise gegen den Kartoffelkäfer »einen natürlichen Gegenspieler ein, den Bacillus thuringiensis«, erklärt Mager. Auch Läuse an Gurken werden mit Larven bekämpft. »Die Eier dafür kommen mit der Post.« Florfliegen, Marienkäfer oder Schlupfwespen sind hier die natürlichen Gegenspieler.

In Zeiten, in denen immer mehr Menschen Obst und Gemüse ohne Chemie oder Fleisch von Tieren aus naturnaher Aufzucht wollen, ist der Magerhof sehr gefragt. »Wir können gut davon leben«, sagt Sebastian Mager. »Wir können Leute beschäftigen und die nötigen Investitionen realisieren.«

Der Magerhof beliefert viele Läden in der Umgebung, auch in Rewe-Märkten sind die Bio-Waren zu finden. Zudem gibt es einen eigenen Hofladen, der wesentlich mit zum Familieneinkommen beiträgt. Und schließlich findet man die Familie jeden Samstag auf dem Karbener Wochenmarkt und jeden Mittwoch auf dem Büdesheimer Wochenmarkt.

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