16. November 2012, 10:53 Uhr

Zeitzeuge berichtet über Behandlung durch Mengele

Nidda (pm). Hugo Höllenreiner war neun Jahre alt, als er 1943 mitten in der Nacht zusammen mit seinen Eltern und den fünf Geschwistern von der SS abgeholt wurde. »Vielleicht geht es nach Frankreich«, hoffte der Junge damals, da er dorthin schon immer einmal wollte. Doch die Fahrt endete in Auschwitz.
16. November 2012, 10:53 Uhr
Hugo Höllenreiner (r.) mit Uwe Hartwig, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Auschwitz. (Foto: pv)

Der Zeitzeuge war anlässlich einer Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht in das Niddaer Gymnasium gekommen. Organisiert wurde das Treffen von Fachbereichsleiter Uwe Müller und der Lagergemeinschaft Auschwitz, mit der das Gymnasium Nidda schon häufiger kooperiert hat. Der Ehemaligenverein unterstütze das Treffen finanziell.

Höllenreiner berichtete den Schülern von seinen Erlebnissen in Auschwitz. Bereits auf der dreitägigen Zugfahrt, eingepfercht in einem Viehwaggon ohne Wasser, Essen und Toilette, wurde er mit dem Tod seiner Mitgefangenen konfrontiert. Im Lager angekommen, war er bereits nach wenigen Tagen schwach und ausgehungert.

Erschüttert reagierten die Schüler, als Höllenreiner davon erzählte, wie den Toten die Fäuste aufgebrochen wurden, um etwas Essbares zu finden. Auch seine Darstellung der Begegnung mit dem »Lagerarzt« Josef Mengele rüttelte die Schüler auf und veranlasste sie, nachzufragen. Die Schreie der Kinder seien bereits vor dem Behandlungszimmer zu hören gewesen, erzählte Höllenreiner. Was die Gehilfen Mengeles mit ihm taten, vermochte er nur anzudeuten. Bei der Behandlung sei er gefesselt und bei vollem Bewusstsein gewesen. Der Schmerz in seinem Unterleib sei unerträglich gewesen, Blut sei ihm bis an die Füße gelaufen.

Bis heute ist nicht klar, welchem pseudowissenschaftlichem Experiment er zum Opfer fiel. Viel wichtiger sei ihm jedoch rückblickend, dass er im Gegensatz zu seinem Bruder noch in der Lage war, Kinder zu zeugen.

Obwohl er in Auschwitz im »Zigeunerlager« untergebracht war und er Kontakt zu seinen Eltern und Geschwistern hatte, beschreibt Höllenreiner das Familienleben als traurig. »Es wurde nicht gelacht oder gestritten, es wurde geweint.«

Er habe die Tage der Gefangenschaft als ein tragisches Ereignis in Erinnerung, das ihn auch nach über 60 Jahren nicht loslasse. Aber der ungebrochene Überlebenswille der Familie – besonders seinen Vater erwähnte Höllenreiner immer wieder stolz – ließ sie die Schreckenszeit überstehen.

Nach der Befreiung durch die englischen Soldaten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen musste Höllenreiner betteln gehen, um sich und seine Familie versorgen zu können. Auf die Frage der Schüler, wie er nach all seinen schmerzlichen Erfahrungen noch in Deutschland habe leben können, antwortet er. »Man darf die Deutschen nicht über einen Kamm scheren.« Es komme ihm vor allem auf eines an: »Nie wieder soll Auschwitz passieren, und dafür sollt Ihr sorgen!«

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